flüstern

In der Kirche nur flüstern Wenn Katholiken eine Kirche betreten, überfällt sie eine gewisse Vorsicht. Am Eingang „stipsen“ Sie mit den Fingern der rechten Hand in eine kleine Wasserschale, bekreuzigen sich, einige machen eine Kniebeuge und fast alle sprechen nicht mehr in normaler Lautstärke wie vor dem Kirchenportal. Wenn Leute einfach so weiterreden wie sonst, outen diese sich, ohne es zu wissen, als Nicht-Katholiken. Was Protestanten wiederum nicht auffällt, ist das Gefühl, das Katholiken in protestantischen Kirchen empfinden. Dort reden diejenigen, die sich um die Besucher kümmern, die Karten und Dias verkaufen, wie man es normal in einem größeren Raum tut, eben etwas lauter. Natürlich reden Italiener und Polen mehr in einer Kirche als Deutsche und Franzosen, weil sie auch sonst eine beweglichere Zunge haben. Aber auch sie scheinen zu wissen, dass eine Kirche ein besonderer Raum ist. Ähnliches gilt noch für andere Räume. In einem Krankenzimmer sind wir leiser, um den Kranken zu schonen. Auch in einem Museum redet man mit leiser Stimme, um die anderen nicht beim Betrachten der Gemälde und anderen Gegenstände zu stören. Für Katholiken ist in einer Kirche auch jemand anwesend, dessentwegen man leiser spricht. Es sind erst einmal die Beter, die man nicht stören will. Aber eigentlich flüstert man, weil in der Kirche Gott gegenwärtiger ist als sonstwo. Aber muß man flüstern, wenn man Gott so nahe ist? Würde er sich durch unser lautes Reden gestört fühlen? Beim Gottesdienst wird ja auch laut gesungen, die Kirchenorgel ist nicht gerade ein leises Instrument und das Vaterunser oder das Glaubensbekenntnis soll Gott offensichtlich in einer kräftigen Artikulation hören. Wer jedoch im Gottesdienst mit dem Nachbarn reden will, flüstert auch. Man spricht leise, um den Gottesdienst nicht zu stören. Wenn kein Gottesdienst ist, dann ist Gott für den einzelnen da. Die Beter knien meist mit Blick auf den Tabernakel. Ein rotes Licht Ewiges Licht lässt sie erkennen, ob im Tabernakel das gewandelte Brot aufbewahrt wird. Dann ist Jesus auf geheimnisvolle Weise gegenwärtig. Für die Zwiesprache der einzelnen mit Gott sind die Kirchen auch gebaut. Die Menschen gehen tatsächlich in eine Kirche, um Gott näher zu sein.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ