Exsultet

Die Osternacht und das Lob der Bienen Ostern, das ist eigentlich der frühe Morgen, wenn die Frauen am ersten Tag der Woche nach der gesetzlich vorgeschriebenen Sabbatruhe zum Grab gehen, um den Leichnam Jesu einzubalsamieren. Sie finden das Grab offen und ohne den Leichnam. Damit fangen die Ostereignisse an. Was in der Nacht geschehen ist, blieb den Augen der Menschen vorborgen. Deshalb lag bis in die fünfziger Jahre der österliche Hauptgottesdienst beider Konfessionen in Deutschland am Sonntagvormittag. Bis Papst Pius XII. 1955 die altchristliche Liturgie wieder einführte, die in den orthodoxen Kirchen ungebrochen gefeiert wurde. Ein Gottesdienst als Nachtwache, Vigil, der mit Lesungen aus der Bibel, Hymnen und Psalmengesang verbracht wird. Da die ersten christlichen Generationen nur das Alte Testament als Bibel hatten, studierten sie es sehr viel sorgfältiger als das noch der Fall war, nachdem die vier Evangelien, die Apostelbriefe und weitere Texte zum Neuen Testament zusammengestellt waren. Sie entdeckten in vielen Bildern Vorzeichen für das, was von Jesus berichtet wird. Der dreitägige Aufenthalt von Jonas im Bauch des Walfischs als Bild für die Grabesruhe Jesu, der Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer als Bild für die Taufe, das Manna in der Wüste als Bild für das eucharistische Brot. Deshalb wurden sicher seit dem 4. Jahrhundert, wahrscheinlich aber schon früher, in der Osternacht Texte aus dem Alten Testament gelesen, dann auch aus dem Neuen Testament, es wurde gesungen und gebetet. Für die Auferstehung fand man ein sprechendes Symbol, die Osterkerze. Sie wird an einem Feuer angezündet und dann in die Kirche getragen. Dabei ruft der Diakon dreimal, jeweils in einer höheren Tonlage: Lumen Christi, Licht Christi. Dann wird die Kerze auf einen Ständer gestellt und besungen. Der Hymnus beginnt mit Exsultet, jubelt, frohlocket. Frohlocket ihr Chöre der Engel, frohlocket, ihr himmlischen Scharen, lasset die Posaune erschallen, preiset den Sieger, den erhabenen König! Lobsinge, du Erde, überstrahlt vom Glanz aus der Höhe! Licht des großen Königs umleuchtet dich. Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel. Auch du freue dich, Mutter Kirche, umkleidet von Licht und herrlichem Glanze! Töne wider, heilige Halle, töne von des Volkes mächtigem Jubel. …. In Wahrheit ist es würdig und recht, den verborgenen Gott, den allmächtigen Vater, mit aller Glut des Herzens zu rühmen und seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, mit jubelnder Stimme zu preisen. Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat. Gekommen ist das heilige Osterfest, an dem das wahre Lamm geschlachtet ward, dessen Blut die Türen der Gläubigen heiligt und das Volk bewahrt vor Tod und Verderben. Dies ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hat. Dies ist die Nacht, in der die leuchtende Säule das Dunkel der Sünde vertrieben hat. Dies ist die Nacht, die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben, scheidet von den Lastern der Welt, dem Elend der Sünde entreißt, ins Reich der Gnade heimführt und einfügt in die heilige Kirche. Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg. Wahrhaftig, umsonst wären wir geboren, hätte uns nicht der Erlöser ge¬rettet. O unfassbare Liebe des Vaters: Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin! O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat. O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden! O wahrhaft selige Nacht, dir allein war es vergönnt, die Stunde zu kennen, in der Christus erstand von den Toten. Dies ist die Nacht, von der geschrieben steht: „Die Nacht wird hell wie der Tag, wie strahlendes Licht wird die Nacht mich umgeben.“ Der Glanz dieser heiligen Nacht nimmt den Frevel hinweg, reinigt von Schuld, gibt den Sündern die Unschuld, den Trauernden Freude. Weit vertreibt sie den Hass, sie einigt die Herzen und beugt die Gewalten. In dieser gesegneten Nacht, heiliger Vater, nimm an das Abendopfer unseres Lobes, nimm diese Kerze entgegen als unsere festliche Gabe! Aus dem köstlichen Wachs der Bienen bereitet, wird sie dir dargebracht von deiner heiligen Kirche durch die Hand ihrer Diener. So ist nun das Lob dieser kostbaren Kerze erklungen, die entzündet wurde am lodernden Feuer zum Ruhme des Höchsten. Wenn auch ihr Licht sich in die Runde verteilt hat, so verlor es doch nichts von der Kraft seines Glanzes. Denn die Flamme wird genährt vom schmelzenden Wachs, das der Fleiß der Bienen für diese Kerze bereitet hat. O wahrhaft selige Nacht, die Himmel und Erde versöhnt, die Gott und Menschen verbindet! Darum bitten wir dich, o Herr: Geweiht zum Ruhm deines Namens, leuchte die Kerze fort, um in dieser Nacht das Dunkel zu vertreiben. Nimm sie an als lieblich duftendes Opfer, vermähle ihr Licht mit den Lichtem am Himmel. Sie leuchte, bis der Morgenstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht: dein Sohn, unser Herr Jesus Christus, der von den Toten erstand, der den Menschen erstrahlt im österlichen Licht; der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen. Der Text des Exsultet (frohlocket) zeigt, dass dieses Lied nur in der Nacht gesungen werden kann. Nächtliche Gottesdienste waren bei den Christen in den ersten Jahrhunderten beliebt. In der Osternacht weht ein Hauch dieser Zeit bis zu uns. Das Lob der Kerze geht auf das 4. Jahrhundert zurück. Offensichtlich ist die Form, die die frühe christliche Liturgie gefunden hat, bereits so ausgereift, dass die Reform aus dem Jahr 1955 nicht etwas Neues bringen musste, sondern das Vergessene zurückgeholt hat.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ