evangelisch katholisch

Was ist der tiefer liegende Unterschied?

Katholisch und evangelisch geht einfach nicht zusammen, trotz vieler Bemühungen auf beiden Seiten. Es scheinen die Bremser zu sein. Manche sagen, es sei das Papstamt. Es kommt noch nicht einmal eine gemeinsame Bibelübersetzung zustande, weil die Evangelischen nicht auf die Lutherbibel verzichten können. Weil die Katholiken erst nach einer vollen Kircheneinigung mit den Evangelischen gemeinsam Messe bzw. Abendmahl feiern wollen, bleibt auch dieser Graben.

Auf der anderen Seite gibt es viele Schritte aufeinander zu. So haben Lutheraner und Katholiken festgestellt, dass die Lehre über die Erlösung, von Luther unter dem Titel „Rechtfertigung“ formuliert, schon im 16. Jahrhundert keine kirchentrennenden Unterschiede aufwies, vergleicht man die evangelische Confessio Augustana mit den Texten des Trienter Konzils. In vielen anderen Punkten, u.a. auch in der Auslegung der Bibel, arbeiten evangelische und katholische Fachleute zusammen. Schließlich beten evangelische und katholische Christen gemeinsam und feiern Gottesdienste, wenn auch nicht die Messe.

Es bleibt zwar bei den Evangelischen der Vorbehalt, sich nicht so wie die Katholiken dem Papst unterzuordnen. Dass es aber nicht weiter geht, liegt tiefer begründet. Die religiöse Grundstimmung ist zu verschieden.

Zwei Mittelalter – zwei Konfessionen
Auch wenn man in der Schule und im Theologiestudium lernt, dass die Reformation mit den Thesen Luthers an der Wittenberger Kirche 1517 als Reaktion auf Misstände in Rom und auch in Deutschland begann, die Wurzeln liegen 150 Jahre früher. In Nordeuropa war es im 14. Jahrhundert kalt geworden. Während im 13. Jahrhundert in Köln Feigen gediehen, hörten hundert Jahre später der Wintern nicht auf. Die Bevölkerung war schlecht ernährt, deshalb konnte die Pest so wüten. Die Bauarbeiten an den Kathedralen wurden eingestellt, so in Köln und Ulm. Die Kirche bot nicht mehr im früheren Sinne Heimat, denn es gab Päpste und Gegenpäpste, die jeweils die Gottesdienste bei den Anhängern der anderen Partei verboten. Auch politisch war die Lage nicht mehr so stabil.

Ganz anders das 13. Jahrhundert, die große Epoche der Scholastik mit Albert d.Gr. Thomas von Aquin, Bonaventura und vielen anderen. Vorbereitet wurde das Jahrhundert der Gotik bereits im 12. Jahrhundert durch einen Aufschwung der Wissenschaft, den Ausbau und die Gründung von Städten, die Entwicklung des Handwerks – alles basierend auf besseren landwirtschaftlichen Anbaumethoden.

Die Katholiken sind immer noch von dieser Epoche geprägt. Im 19. Jahrhundert wurden sowohl die Gotik wie auch die damalige Theologie wieder aufgenommen. Papst Leo XIII. machte die Theologie des Thomas von Aquin zum verbindlichen Maßstab der theologischen Ausbildung. Daraus entwickelte sich die bis ins 20. Jahrhundert bestimmende Schule der Neuscholastik. Parallel dazu wurden die Kirchen im sog. neugotischen oder neoromanischen Stil gebaut. Vor dem II. Weltkrieg gab es nur zögerliche Ansätze des sog. modernen Kirchbaus mit der der Fronleichnamskirche in Aachen.

Ganz anders der Protestantismus, er wurde durch die tiefe Verunsicherung des 14. Jahrhunderts bestimmt. Das haben die Forschungen am Institut für „Spätmittealter und Reformation“ in Tübingen ergeben. Denn mit der tiefen Verunsicherung, die die Menschen erfasste, geriet auch das Bild ins Wanken, das die Theologie bisher von Gott entworfen hatte. Mit der griechischen Philosophie ging sie bis zum 13. Jahrhundert davon aus, dass der Kosmos von der Vernunft geordnet ist. Zwar hat der Mensch durch die Sünde Unordnung in die Welt gebracht, aber Gott hat mit der Sendung seines Sohnes die Ordnung wieder hergestellt.

Diese Sicherheit ging im 14. Jahrhundert verloren. Konnte es nicht sein, dass Gott sich gar nicht an die Ordnung mehr hielt, die in den Summen der Theologie beschrieben worden war? Und hatte die Aussage, dass Gott allmächtig sei, nicht zur Konsequenz,  dass er gar nicht an die von ihm selbst geschaffene Ordnung gebunden ist? Wenn Gott sich selbst, indem er die Welt durch seine Vorsehung lenkt, an die Gesetze des Guten halten muss, schien er nicht mehr allmächtig zu sein. Wenn aber Gott kraft seiner Allmacht einfach entscheidet, wie er will, dann ist der Mensch allein von seiner Entscheidung abhängig. Im Kosmos und im Denken der Vernunft findet er keine Sicherheit mehr, ob Gott ihm sein Erbarmen zeigt oder ob er ihn in die Hölle verbannt. Die Überzeugung gewann an Boden, dass Gott über Erwählung oder Verwerfung des Menschen einfach entscheidet, ohne dass der Mensch irgendwelche Maßstäbe an Gott herantragen kann. Wenn nur noch die Bibel das Wort Gottes beinhaltet, nicht mehr aber die Natur über Gott spricht, dann hängt alles von dem freien Ratschluss Gottes ab. Der Boden, auf dem sich die Protestanten bis heute bewegen, ist sehr viel schwankender als der, den die Katholiken unter ihren Füßen spüren. Ein Protestant kann den Katholiken nicht verstehen, der mal über die Stränge schlägt, weil er ja in der Beichte alles wieder in Ordnung bringen kann. Angesichts des Ernstes der menschlichen Situation erscheint gläubigen Protestanten das katholische Weltbild als zu leichtfertig. Das zeigt sich an dem unterschiedlichen Stellenwert, den Karfreitag und Ostern haben. Für Lutheraner war früher der Karfreitag das höchste Fest, an dem man auch das Abendmahl empfing. Für die Katholiken ist Ostern wichtiger, auch wenn beide Konfessionen heute Weihnachten den Vorzug geben. 

Verständlich wird auch das Pochen der Evangelischen auf der direkten Erwählung durch Gott, ohne dass die Kirche da etwas Wichtiges beitragen könnte. Der Glaube richtet sich ganz auf die Rechfertigung, während für die Katholiken mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes nicht nur die Schöpfung erlöst ist, sondern die gesamte Menschheit. Die Idee, dass die ganze Menschheit geheiligt ist, weil Gottes Sohn „Fleisch angenommen“ hat, findet sich bereits in der alexandrinischen Theologie des 3. und 4.Jahrhunderts.

Für Protestanten bleibt der Glaube mehr angefochten, er muss immer neu errungen werden. Daher ist die Grundstimmung der Evangelischen auch ernster. Dass die Evangelischen mit Karneval weniger anfangen können, wird heute oft auf die unterschiedliche Mentalität geschoben, hat aber darin seine Wurzel, dass zur Zeit der Reformatoren eine Spaßgesellschaft den eigentlichen Sinn der Karnevals verloren hatte und bis weit in die Fastenzeit feierte.

Wenn man den Protestantismus verstehen will, muss man ins Mittelalter zurückgehen und diese Epoche sehr viel differenzierter sehen. Dass das Mittelalter dunkel war, ist eine zu simple Behauptung. Die gotischen Kathedralen sind Lichttempel, die Vernunft wurde als Licht gedeutet, so wie später wieder die Aufklärung in England und Frankreich „Zeitalter des Lichtes“ genannt wird.

Die Rede des Papstes in der Universität von Regensburg, die wegen der Reaktion des Islams auf ein Zitat große Aufmerksamkeit erhielt, hatte eigentlich zum Thema, dass die Vernunft für die Religiosität eine tragende Rolle behalten soll.

Vereinfacht könnte man den Unterschied zwischen dem katholischen und protestantischen Glaubensverständnis so beschreiben, dass die Katholiken an dem Hochmittelalter festhalten, während die Protestanten eher vom Späten Mittelalter inspiriert sind.

 

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ