Dogmen

Dogmen und dogmatisch Die katholische Kirche gilt als dogmatisch, sie beharrt auf Lehraussagen, die längst überholt scheinen. Am bekanntesten ist der Streit mit Galilei, in dem es darum ging, ob die Erde den Mittelpunkt des Kosmos darstellt oder ob sie als kleiner Trabant um die Sonne kreist. Das kirchliche Lehramt sah den Schöpfungsbericht infrage gestellt. Dieser situiert das schöpferische Handeln Gottes in dem damaligen Weltbild, als es für die Menschen selbstverständlich war, die Erde als Scheibe zu sehen, die auf dem großen Weltmeer schwimmt. Es dauerte Generationen, bis die Theologen es verstanden, die Aussagen im ersten Kapiteln der Bibel zu unterscheiden, nämlich was dem Weltbild der Autoren dieses Textes zuzuordnen ist und was sie über Gott ausgesagen. Man kann die theologischen Aussagen, eben dass der Kosmos letztlich von Gott her kommt, im heutigen Weltbild genauso verstehen wie im Kontext des damaligen Weltbildes. Das kirchliche Lehramt hat also gegen Galilei verloren und damit die Meinung bestärkt, man könne den Aussagen von Wissenschaftlern mehr vertrauen als dem Lehramt des Papstes. Noch schwieriger zu verkraften waren die heute kaum mehr bestrittenen Thesen Darwins, die Pflanzen und die Tierarten seien nicht einzeln von Gott geschaffen, sondern hätten sich auseinander entwickelt. Der „Mensch stammt vom Affen ab“, stellt sich gegen den zweiten biblischen Schöpfungsbericht, der sehr konkret die Formung des Menschen und die Schaffung der Tiere beschreibt. Die Evolution stellt auch theologische Fragen, denn die Bibel geht davon aus, dass es einen paradiesischen Urzustand gab, der durch den Menschen verdorben wurde. Wenn aber der Mensch sich schrittweise aus Affenwesen entwickelt hat, ist ein solcher Zustand unwahrscheinlich. Schließlich konnte die Vorstellung, die man aus dem biblischen Schöpfungsbericht herauslesen kann, nicht mehr einfach weiter genutzt werden, nämlich dass die Menschheit von einem Menschenpaar abstammt. Es ist bis heute nicht sicher, ob der Mensch an einem Ort in Afrika aufgetreten ist oder in mehreren Affenhorden der Übergang zum Menschen stattgefunden haben kann. Heute sind diese Überlegungen besser einzuordnen, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch über geistige Fähigkeiten verfügt, die ihm ermöglichen, grundsätzliche Fragen zu stellen und an ein Leben nach dem Tod zu glauben, was sich in den Beerdigungsriten zeigt. Weiter unterscheidet sich der Mensch von seinen tierischen Vorfahren, dass er zu Gebet und rituellen religiösen Handlungen fähig ist. Das sind aufregende Fragen, besonders für die Theologie. Jeweils zeigte die Auseinandersetzung, dass die Kirche von bisherigen Vorstellungen abrücken musste. Damit wuchsen die Zweifel an den übrigen Lehraussagen. Würden nicht auch die Wunderberichte in der Bibel von der Wissenschaft überholt werden? Man könnte sie psychologisch als rein innere Erfahrungen deuten, ohne dass äußerlich etwas geschehen sein müsste. Oder die Auferstehung Jesu von den Toten, muss man sie als leibhaftiges Wiedererstehen des Leibes sehen oder könnte man sie auch nur, wie es Theologen versucht haben, als Auferstehung in „den Glauben der Jünger“ verstehen. Jesus wäre also nicht leiblich auferstanden, sondern lebte nur im Glauben seiner Jünger weiter, sozusagen in einer virtuellen Glaubenswelt. Diese Fragen haben zu einer großen Skepsis geführt. Weil das Lehramt der katholischen Kirche erst einmal an den bisherigen Glaubensvorstellungen festhält und nur schrittweise die neue Weltbilder, die Physik und Biologie entwerfen, übernimmt, scheint es so, dass die katholische Kirche immer wieder von der Wissenschaft zu neuen Anpassungen gezwungen ist. Da die Naturwissenschaften eine große Bedeutung für das Weltbild der Neuzeit haben, ist ihr Denkstil überzeugender. Denn Wissenschaft soll nicht dogmatisch, sondern offen für Neues sein. Nur wenn bisherige Vorstellungen von der Materie, dem Weltall und der Biologie infrage gestellt werden, gibt es einen Fortschritt der Wissenschaft. Das wissenschaftliche Denken hat jedoch seine Heilsversprechen zu einem guten Teil verloren. Naturwissenschaften und die aus ihnen entspringende Technik zeigt auch Folgen, die immer mehr als problematisch gesehen werden. Die Rohstoffe reichen nicht unbegrenzt und der Verbrauch an Kohle und Erdöl verändert das Klima. Die Erkenntnisse über die Genetik sind inzwischen zur Gentechnik geworden. Der Mensch versucht, selbst Lebewesen zu konstruieren und macht vor der Manipulation des menschlichen Erbguts nicht Halt. Auf einmal erscheint die dogmatische katholische Kirche in einem anderen Licht, weil sie Wertvorstellungen verteidigt, die dem wissenschaftliche Denken seine Grenzen zuweist. Die Freiheit des Menschen wird plötzlich gegen Thesen von Hirnforschern von der als konservativ verschrienen Institution verteidigt, weil nämlich die menschliche Schuldfähigkeit in Frage steht, wenn wir von unserem Hirn gesteuert werden und das Ich sich in flackernde Hirnregionen auflöst. Weil die katholische Kirche dogmatisch an der Verantwortlichkeit des Menschen für seine Taten festhält, verteidigt sie die Grundlagen der Verfassung, die gerade von einigen Hirnforschern unter der Hand abgeschafft werden. Das Wort von der „Bewahrung der Schöpfung“ klingt plötzlich sympathisch, weil die katholische wie die evangelsiche Kirche „dogmatisch“ an der Aussage der Bibel festhalten, der Mensch sei nicht in der Weise Herr der Schöpfung, als er über diese nach seinem Gutdünken verfügen könnte, sondern als Gärtner von dem eingesetzt, aus dessen Hand die Welt und die Lebewesen letztlich hervorgegangen sind. Etwas Dogmatismus braucht unsere von der Wissenschaft dominierte Kultur inzwischen, soll sie daran gehindert werden, die Basis der menschlichen Person aufzulösen und den Menschen zu einem Objekt zu machen, das von biologischen Prozessen, der Struktur seines Gehirns und soziologischen Gesetzmäßigkeiten gesteuert wird. Die Wissenschaft stellt den Menschen, der in Freiheit für sein Lebe die Verantwortung übernimmt, als bloße Fiktion hin. In der Auseinandersetzung zwischen katholischem Lehramt und den Naturwissenschaften geht es aber gerade um den Vorwurf des Dogmatismus. Was ist aber ein Dogma? Dogmen formulieren die Glaubenswahrheiten und haben von sich her nichts mit naturwissenschaftlichen Aussagen zu tun. So hat die katholische Kirche kein Dogma über die Struktur des Kosmos oder über die biologischen Daten der Entstehung der Arten formuliert. Was meist nicht bekannt ist: Galilei kam deshalb erst richtig in Konflikt mit dem Papst, als er sich auf Stellen des Alten Testaments berief, um seine naturwissenschaftlichen Aussagen zu belegen. Damals war man in der Unterscheidung von naturwissenschaftlichen und theologischen Aussagen noch ungeübt. Eigentlich hätte das Lehramt Galilei nur verbieten müssen, das Alte Testament zu Rechtfertigung seiner Thesen zu gebrauchen. Dogmen beziehen sich also auf Glaubenswahrheiten, die so sieht man es heute deutlicher, durch naturwissenschaftliche Experimente weder belegt noch falsifiziert werden können. Der zentrale dogmatische Text ist das Glaubensbekenntnis. Es ist aus der Taufliturgie hervorgegangen. Der Täufling sollte sich in knapper Form zum christlichen Glauben bekennen können. Das Konzil von Nicäa hat dann 325 ein solches Glaubensbekenntnis herangezogen, um in einer zentralen Frage eine deutliche Antwort zu geben, nämlich ob Jesus von Nazareth Gottes Sohn war. Es erklärt dann, dass er „gezeugt, nicht geschaffen“ sei. Dieses Glaubensbekenntnis wurde durch die folgenden Konzilien ergänzt und gehört heute in die Liturgie des Sonntagsgottesdienstes. Da immer wieder Glaubensaussagen geklärt werden mussten, weil sie infragegestellt wurden oder durch neue Entwicklungen, meist von der Philosophie ausgelöst, neu formuliert werden mussten, kam es zu weiteren Formulierungen, „Dogmen“. Prinzip jedes Dogmas ist es, die in der Bibel grundgelegten Aussagen zu verdeutlichen bzw. gegen falsche Deutungen verteidigen. Jedes Dogma ist in der Sprache seiner Zeit formuliert. Dogmatisch ist die katholische Kirche deshalb, weil sie einmal formulierte Dogmen nicht in Frage stellt. Was die ersten Konzilien betrifft, sind die orthodoxen Kirchen noch viel strenger.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ