Beichten

Die Katholiken, so eine teils humorige, teils neidische Einschätzung, tun sich mit dem Sündigen leichter, denn sie können ja das Wohlwollen Gottes zurückgewinnen, wenn sie ihre Verfehlungen vor dem Priester im Beichtstuhl bekennen. Die Sünden, die Katholiken im Beichtstuhl nach der Meinung anderer loswerden wollen, sind wahrscheinlich kleine und große Lügen, Steuerhinterziehung und sexuelle Verfehlungen. Aber wer kann das überprüfen. Für den beichthörenden Priester gilt ein absolutes Schweigegebot. Verstößt er dagegen, d.h. erzählt er, was er im Beichtstuhl gehört, schließt er sich damit sofort aus der Kirche aus. Es bedarf keines eigenen Rechtaktes, sondern er wird durch die Tat exkommuniziert, d.h. aus der Communio, der Gemeinschaft der Glaubenden ausgeschlossen. Nur der Papst kann ihn wieder in die Kirche aufnehmen. Also erfährt man nichts, was die Katholiken wirklich beichten. Allerdings nehmen sie es mit der Beichte nicht mehr so genau. Standen noch bis in die späten sechziger Jahren Schlangen vor den Beichtstühlen, sind es heute nur wenige, die das Angebot wahrnehmen. Gebeichtet wird vor den großen Festen, vor Ostern schreibt es sogar ein Kirchengebot vor, und an Samstagen, wenn früher die Strasse gefegt und die Kinder ins Bad gesteckt wurden.

Beichten hat im Seelenhaushalt der Katholiken einiges mit Aufräumen zu tun. Man muss die alten Verfehlungen loswerden, um sich seelisch wieder frisch zu fühlen. Das Gefühl einer Beichte ist dann auch meist vergleichbar wie wenn man einen Schreibtisch aufgeräumt oder sich geduscht hat. Vielleicht war das früher auch dringender, als man am Sonntag mit den gleichen Leuten zusammen war, mit denen man über die Woche die Last der Arbeit getragen hat. Heute liegen zwischen den Arbeitskollegen und dem privaten Lebensumfeld oft viele Kilometer. Und am Montag sieht die Welt wieder anders aus. Jeder hat am Wochenende etwas erlebt und der Ärger der vergangenen Woche hat sich relativiert. Wahrscheinlich „räumen“ wir heute auch mit den vielen Krimis auf. Es ist erstaunlich, wie viele Krimis gerade am Wochenende gesendet werden. Da geht es meist um deutsche Schauplätze, während die amerikanischen Krimiserien mehr in der Woche laufen. Offensichtlich muss das Böse spätestens am Sonntagabend mit dem Tatort aus der Welt geschafft werden, damit die Menschen mit der Woche wieder neu anfangen können und nicht noch das mitschleppen müssen, was in der vergangen Woche liegen geblieben war.

Im Film erfährt man dann hin und wieder etwas über den Inhalt von Beichten. Um der Filmhandlung mehr Spannung zu verleihen, bezieht sich die dramaturgische Funktion der Beichte in Filmen nicht auf die Vergangenheit. Es wird meist nicht gezeigt, wie ein Verbrecher sich durch die Beichte entlastet und sein Todesurteil in Ruhe akzeptieren kann, sondern der Verbrecher sitzt im Beichtstuhl und beichtet nicht, sondern erzählt, was er vorhat. Wenn der Priester jetzt nicht an das Beichtgeheimnis gebunden wäre, könnte er einen Mord verhindern. Er hält sich aber an das Gebot und opfert damit ein unschuldiges Leben. Es ist die katholische Kirche, die hier Beihilfe zum Mord leistet, weil sie unbedingt an ihren antiquierten Vorstellungen festhalten. Solche Kritiken kann man auch hin und wieder in kirchlichen Postillen lesen. Die Gutmenschen scheinen trotz vieler Stunden vor dem Fernsehen nicht zu verstehen, dass der dramaturgische Kniff nur so lange funktioniert, wie die Zuschauer davon überzeugt sind, dass katholische Priester das Beichtgeheimnis nicht verletzen. Würden die Zuschauer das nicht mehr annehmen, würde jeder darauf warten, wie es dem Priester gelingt, den Mörder der Polizei auszuliefern, ohne sich selbst in Todesgefahr zu bringen. Aber das ist nun mal Aufgabe des Kommissars. Zudem wäre der Film frühzeitig zu Ende, wenn der Priester den Täter tatsächlich der Polizei überliefern würde. Insgesamt ist es auch nur eine Kino- und Fernsehfiktion, die Mörder vor ihrer Tat in den Beichtstuhl zu schicken. Für die wirklich schweren Verfehlungen allerdings braucht es diesen Ort, wo die Gnade Gottes konkret zugesprochen wird.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ