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Warum ist der Barock katholisch?

Katholiken sind barock, sie lieben füllige Formen, es soll nicht einfach und gradlinig hergehen, sondern geschwungen, mit vielen Bildern und Engeln, mit Prozessionen in großer Buntheit. Barock heißt auch, gut zu essen, nicht zu schlank sein, das Bier gehört zur Wallfahrt. Barock ist der Süden, der Norden ist bei der nüchternen Bauweise und Lebensführung geblieben, wie sie die Klinkersteine symbolisieren. Ist der Barock aber überhaupt eine Erfindung Bayerns und Österreichs?

Der Barock kommt aus Rom. Die ersten großen Barockkünstler sind nicht Balthasar Neumann und die Asam-Brüder, sondern eingeleitet wurde die Epoche von  Michelangelo Buonarroti (1475-1564) und Giacomo Barozzi da Vignola (1507-1573)

Sie und andere lösten die Renaissance und den Manierismus ab. Zu den Malern, die die neue Sicht des Barock entwickelten, gehört Michelangelo Merisi da Caravaggio (1573-1610), der die Hell-Dunkel-Technik einführe, die von Rembrandt Harmens van Rijn (1606 – 1669) vervollkommnet wurde.

Was war die entscheidende Idee und warum ist der Barock eher ein katholisches Phänomen? Michaelangelo verändert den von Bramante geplanten Bau des Petersdoms. Dieser war, im Sinne des Vollkommenheitsideals der Renaissance, als Zentralbau geplant, so wie das an dem aus römischer Zeit erhaltenen Pantheon abzulesen war. Ein Zentralbau hat in der Mitte sein Zentrum. Da müßte der Altar stehen. Über ihm wölbt sich die Kuppel als Symbol des Himmels. Diese Konstruktion findet sich bis heute im Petersdom, der Altar steht unter der Kuppel. Kann aber die katholische Liturgie in einer Kirche gefeiert werden, in der der Altar in der Mitte steht? Dann wäre das sozusagen eine Feier in der Ordnung des Kosmos. Zwar war damals das antike Weltbild schon erschüttert, das die Erde als Scheibe dachte, über die sich der Himmel wölbt. Aber die Erde, die als Zentrum den Menschen hat, entsprach dem Weltbild der Renaissance, die von der Antike her den Menschen als Maß aller Dinge verstand. Zwar ist der Mensch Thema der Liturgie, aber unter der Perspektive seiner endgültigen Bestimmung, die er erst erreicht, wenn er die Schwelle des Todes überschritten hat. Die abendländische Liturgie hat daher als Grundgestalt die Prozession, der Einzug von Westen zum Altar, die Evangeliums- und dann die Gabenprozession und dann schließlich der Gang nach vorne, um die Kommunion zu empfangen. Diese Dynamik kommt in einem Zentralbau nicht zum Tragen, auch wenn der Altar nicht in der Mitte, sondern an der östlichen Wand stände.

Zudem hatte die katholische Kirche mit der Renaissance und den Renaissance-Päpsten schlechte Erfahrungen gemacht. Bis in die Spitze war sie zu stark diesseitig orientiert. Der Bau der Peterskirche hatte wegen des Ablaßhandels die Reformation zwar ausgelöst, aber die Kritik der Reformatoren ging ins Grundsätzliche. Im Konzil von Trient (1545 und 1563) hat sich die katholische Kirche auf die Glaubenssubstanz besonnen. Die Renaissance als Denkfigur konnte die Probleme der Zeit nicht mehr lösen, zumal die Reformation eine Intensivierung des Glaubens forderte und sich gegen die Verweltlichung der römischen Kirche richtete

Das katholische Deutschland konnte nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges auf die Entwicklungen in Rom und Italien zurückgreifen. Der Barock entwarf mit seinen Farben und seiner Pracht ein Gegenbild zum Dunkel und dem Sterben des Krieges. Zentrales Motiv der barocken Kirchen wurde der Himmel, in den man mit den in der mystischen Schau geöffneten Augen der Heiligen ein Blick werfen kann. Fast jede Barockkirche hat als zentrales Altarbild die Aufnahme Mariens in den Himmel, wo sie von der Heiligen Dreifaltigkeit empfangen wird. So knüpft der Barock an die Symbolik der mittelalterlichen Kirchen an, die nach Osten hin in der aufgehenden Sonne den auferstandenen und wiederkommenden Christus sehen. Zugleich gelingt dem Barock eine Synthese mit den neuen Wissenschaften. Die Baumeister machen sich die von Kepler, Leibniz und Newton entwickelte Berechnung der Kurven zunutze. Die Innenräume sind oft als Ellipse konstruiert, die Fassaden bestehen aus einem Ineinander von Parabeln und Hyperbeln. In den Deckgemälden finden sich die Kontinente und ihre Bewohner wieder, Sternwarten gehören zum Inventar einer Schule dieser Zeit, die Schöpfung wird in den Kirchenraum integriert. Katholisch, das heißt umfassend, integrierend. Das drückt sich im Zusammenspiel der verschiedenen Künste aus. Sind die Räume schon wie Skulpturen gestaltet, so gehen Malerei und Skulpturen ineinander über, die Musik mit der großen Barockorgel und dem Orchester wird Teil des Gottesdienstes. Zum barocken Fest gehört die Aufführung eines Theaterstücks und einer Oper.

So katholisch der Barock gilt, er ist kein Monopol der katholischen Bischöfe und Abteien. In Hamburg ist der große Michel eine Barockkirche, die Dresdner Frauenkirche ist ein Zentralbau des Hochbarock, Bauzeit 1726 bis 1743. Viele evangelische Fürsten bauten sich wie der Sonnenkönig Ludwig XIV. oder der österreichische Kaiser ein Barockschloß.Die transzendenten Welt und die durch Naturwissenschaften erkennbare Schöpfung wurden im Barock als Einheit gesehen, eine Sehnsucht, die am Ende der Moderne wieder aufkeimt.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ