Arme Seelen

Die Armen Seelen und Allerseelen

Kann man für einen Verstorbenen noch etwas tun? Tut jemand für mich noch etwas, wenn ich gestorben bin und vor Gott dastehe als jemand, der den Anforderungen des Gerichts nicht gewachsen ist? Solange der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod lebendig war, bewegte viele Menschen, was aus ihnen wird.

Auf jeden Fall kann man für Verstorbene beten, das kann nicht falsch sein. Alle Religionen kennen Beerdigungsriten. Auch wenn kein evangelischer Pastor noch ein katholischer Priester den Verstorbenen der Erde anvertraut – der Trauergemeinde liegen Gebete selten so auf den Lippen wie am Grab eines Menschen. Aber was bewirkt das Beten? Die katholische Kirche ist davon überzeugt und hat im Ablaß sogar einen Ritus, der bewirkt, dass die Folgen der Sünden nicht allzu schmerzhaft im Fegefeuer abgearbeitet werden müssen. Verstorbene können schneller das reinigende Fegefeuer verlassen. Denn die "Armen Seelen" sind die, denen bereits der Himmel versprochen ist, die aber noch die Folgen der Sünde abarbeiten müssen. Ähnlich ist die Vorstellung der Hindus vom Karma. Das, was von den bösen Taten im Menschen nachwirkt, ist mit dem Tod nicht einfach verschwunden. Dass die Päpste zur Zeit Luthers mit dem Verkauf von Ablaßbriefen die Idee gründlich korrumpiert haben, ist unbestreitbar. Aber liegen die Katholiken so ganz falsch, wenn sie eine Art Nacharbeit an der himmlischen Personwerdung für notwendig halten, so dass das Seelenkleid strahlend weiß wird, wie es im letzten Buch der Bibel, in der Geheimen Offenbarung, beschrieben wird: „Eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und dem Lamm und trugen Palmzweige in ihren Händen. Sie riefen mit lauter Stimme: die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt und von dem Lamm.“ Kap. 7,9-10 Wer kann schon sagen, dass sein Gewand so weiß ist, dass er sich direkt diesem Chor zugesellen könnte. Die Frömmigkeitsform, die den Armen Seelen einen Platz im Gebet einräumt, ist auch deshalb christlich, weil sie die irdische Lebenszeit als Entscheidungszeit sieht. Der Tod ist der endgültige Schlusspunkt, es gibt keine Wiedergeburten zur Abarbeitung der Reste, zu der sich Schuld und Versagen in der eigenen Person abgelagert haben. Nur das, was der Mensch innerhalb seiner geschichtlichen Lebensspanne entscheidet, bestimmt seine endgültige himmlische Existenz. Deshalb, so die Hoffnung, können die Lebenden noch etwas für die Toten tun. Wirklich tun können die Zurückgebliebenen allerdings nichts. Sie können allenfalls beten, denn nur Gott kann etwas tun, so wie es im oben zitierten Vers der Offenbarung heißt: „Die Rettung kommt von unserem Gott.“ Eine zweite Glaubensvoraussetzung liegt dieser Arme-Seelen-Frömmigkeit zugrunde: Der einzelne ist nicht allein auf sich gestellt, gerade in schwierigen Situationen kann er sich auf die Solidarität der Mitchristen verlassen. Keiner stirbt für sich allein. Auch wenn jeder seinen Tod alleine sterben muss, so wird er durch das Sterben nicht ins Alleinsein gestoßen. Auf ihn wartet im Himmel die Gemeinschaft der Seligen. Damit keiner den Weg in diese himmlische Welt alleine gehen muss, soll jeder in seinem Sterben begleitet werden. Er wird in der Krankensalbung mit Öl gesalbt, an seinem Sterbebett wird gebetet, so wie es viele Darstellungen vom Sterbebett Marias zeigen. Die Apostel stehen an dem Bett und begleiten Maria in ihrer letzten Stunden.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ