apostolisch-evangelisch

Die christliche Botschaft findet sich in der Bibel. Über die Person Jesu, seine Lehre und sein Lebensschicksal berichten die vier Evangelien. Wer also der Person Jesu näher kommen will, orientiert sich am besten an den Evangelien. Die Evangelien sind sozusagen der Kern des Neuen Testaments, aber das Wort „evangelisch“, das hieße evangeliumsgemäß, findet sich nicht im Glaubensbekenntnis. Dieses verwendet den Begriff „apostolisch“, um eine möglichst große Nähe zum Zeugnis über Jesus Ausdruck zu verleihen. Insgesamt wird die Kirche durch vier Adjektive charakterisiert: die eine, heilige, katholische und apostolische.

Das liegt daran, dass die biblischen Texte nicht von Jesus diktiert, sondern aus der Predigt der Apostel entstanden sind. Hier liegt auch ein wichtiger Unterschied zum Islam.

Die Texte des Neuen Testaments gehen nämlich auf die mündliche Glaubensunterweisung der Apostel zurück. In der Apostelgeschichte wird von der Predigttätigkeit des Petrus und des Paulus sowie einiger Diakone berichtet. Diese Glaubensverkündigung ist teils von den Aposteln selbst, so von Paulus und Johannes, oder von deren Schülern, z.B. Markus und Lukas, aufgeschrieben worden. Die Apostel verstehen sich ausdrücklich als Zeugen, die das Leben Jesu geteilt haben und dem auferstandenen Jesus begegnet sind. als für den Verräter Judas jemand gewählt werden musste, damit die Zahl der Apostel wieder die Zwölf erreichte, war das Auswahlkriterium, dass die Kandidaten bei den Predigtreisen Jesu und seinen Jerusalemaufenthalten dabei gewesen sein musste:

„Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und (in den Himmel) aufgenommen wurde, - einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Dann beteten sie: Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen. Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. Dann gaben sie ihnen Lose; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zugerechnet“. Apostelgeschichte 1, 21-26

Im Neuen Testament schlägt sich also der Glaube der Apostel nieder. Anders als der Koran ist das Neue Testament nicht das von Jesus diktierte Wort, sondern das Zeugnis derjenigen, die Jesus gehört und erlebt haben. Da das "Phänomen Jesus" nicht einfach mit einem Text zu fassen ist, gibt es vier Evangelien über Jesus. In den großen Briefen, so in dem Römer-, dem Hebräer- und dem 1. Petrusbrief wird eine Deutung des Lebensweges Jesu vorgelegt. Da die Texte des Neuen Testaments Zeugnisse für Jesus sein wollen, ist die Gemeinschaft der Glaubenden darauf angewiesen, dass die Zeugenschaft gewährleistet bleibt. Das geschieht in allen christlichen Kirchen dadurch, dass die biblischen Texte im Gottesdienst verlesen und in der Predigt ausgelegt werden. Die Kirchen der Orthodoxie und die katholische Kirche haben sich die Apostelstruktur dadurch bewahrt, dass sie als Nachfolger der Apostel Bischöfe eingesetzt haben. Wichtigste Aufgabe der Bischöfe ist die Glaubensverkündigung. Deshalb ist in mittelalterlichen und Barock-Kirchen ein Bischof nicht nur mit Mitra und Hirtenstab, sondern meist mit einem Buch in der Hand dargestellt. Die Bischöfe sind selbst nicht Apostel, sondern nur deren Nachfolger und damit dem ursprünglichen Zeugnis der Apostel verpflichtet, das im Neuen Testament seinen verbindlichen Ausdruck gefunden hat. Daher ist „apostolisch ein wesentliches Merkmal der wahren Kirche. Zuerst war das mündliche Zeugnis der Apostel maßgebend. Als deren Zeugenschaft durch Martyrium oder Alter zu erlöschen drohte, musste ihr Zeugnis aufgeschrieben werden. Wahrscheinlich war auch die Zerstörung Jerusalems ein Grund, die Evangelien zu verfassen, weil die Christengemeinde von Jerusalem sich zerstreute. Die Verbindung zu dem Zeugnis der Apostel muss gesichert bleiben. Das ist vor allem Aufgabe der Bischöfe. Es waren dann auch nicht die Apostel, sondern erst die übernächste Generation nach ihnen, die die Texte auswählte, die im „Neuen Testament“ zusammengestellt sind. Das geschah im 2. Jahrhundert. So ist die christliche Bibel, wie auch die jüdische nicht wie der Koran aus der Hand eines Autors entstanden. Denn anders als der Koran vereinigt die Bibel sehr unterschiedliche Textsorten, Lebensberichte u.a. von Jesus, Briefe an einzelne Gemeinden zu theologischen und moralischen Fragen, den heutigen Hirtenbriefe der Bischöfe vergleichbar, Visionen über die Endzeit u.a., die jeweils andere Autoren haben. Diese sind aus aktuellen Anlässen für die ersten christlichen Gemeinden verfasst worden. Die besten wurden abgeschrieben und von anderen Gemeinden benutzt. Mit der Zeit entstand eine Zusammenstellung, die allgemein anerkannt wurde. Da die Texte, die nicht in die allgemein genutzte Zusammenstellung gelangt waren, nicht mehr abgeschrieben wurden, gingen diese zum großen Teil verloren. Wie bei der jüdischen Bibel gab es keine offizielle Versammlung, die die Texte ausgewählt hätte. Was war aber das leitende Prinzip?

Es gibt noch eine entscheidende Dimension des christlichen Glaubens, es ist der Heilige Geist, der den Glauben an Jesus Christus in uns "eingießt", wie es im Sprachgebrauch der Bibel heißt. Die Bibel benötige der Christ zum „Gegenlesen“ seiner persönlichen Glaubenserfahrungen. Der Glaube bezieht sich auf Jesus Christus. Das Zeugnis der Apostel begründet nicht den Glauben, auch wenn es für den persönlichen Glauben unersetzlich ist.  

 

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ