Angelusläuten

Engel des Herrn

Wer im Umkreis einer katholischen Kirche lebt, wird durch die Glocken nicht nur zum Gottesdienst eingeladen, sondern darüber hinaus dreimal am Tag auf etwas anderes aufmerksam gemacht. Morgens, um 12 Uhr und am Abend, meist um 18 Uhr, läuten die Glocken. Es geht also um die Strukturierung des Tages. Der beginnt um 6 Uhr, auch wenn aus Rücksicht auf die Nachbarschaft viele Glocken erst um 6.30 oder 7 Uhr zu läuten beginnen. Dazwischen gibt es einen leiseren Anschlag zu jeder Viertelstunde, zur vollen Stunde ertönt dann oft eine zweite Glocke, die die Zahl der Stunde durch ihre Anschläge anzeigt. Die Weißwürste sollen das Mittagsläuten nicht mehr hören. „Wem die Stunde schlägt“ stellt einen weiteren Bezug zu den Glocken her, die uns durch den Tag begleiten. „Schlagen“ die Glocken zu jeder Viertel- und zu jeder vollen Stunde, „läuten“ sie dreimal am Tag zum „Engel des Herrn“, jeweils morgens, zur Mittagszeit und am Abend. Damit rufen sie morgens zur Arbeit, um 12 Uhr zum Mittagsessen, abends zum Abschluss der Arbeit. In diese Strukturierung des Tages stellen sie die Tatsache der Menschwerdung Jesu. Denn der Engel des Herrn, den die Menschen, wo immer sie gerade sind, beten sollen, erinnert an die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Das Gebet beginnt mit dem Gruß des Engels an Maria, daher „Angelus“, lateinisch Engel.

  • Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft
    und sie empfing vom Heiligen Geist
    Gegrüßet seist du Maria ……
  • Maria sprach: Siehe ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort.
    Gegrüßet seist du Maria …
  • Und das Wort ist Fleisch geworden -
    und hat unter uns gewohnt
    Gegrüßet seist du Maria ….

Bitte für uns, heilige Gottesmutter;
dass wir würdig werden der Verheißung Christi.

Lasset uns beten: Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Lass uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen. Darum bitten wir durch Christus unsern Herrn. Amen

 

Das Gebet beginnt nicht erst mit dem Kreuz, sondern mit der Menschwerdung, schreitet in wenigen Worten den Lebensweg Jesu ab und stellt das Ziel alles Tuns vor Augen: Das ewige Leben. Das ist die Funktion der Glocken. Sie läuten in unseren Alltag hinein, damit wir den Blick über den Tellerrand werfen. Sonst verstricken wir uns zu sehr in den Alltäglichkeiten und verlieren die große Line aus den Augen.

Das Gebet an den drei Eckpunkten des aktiven Teils des Tages verbindet sich mit der Gebetstradition, die auch die Muslime aus der jüdischen Tradition übernommen haben. So hat auch das große Stundengebet drei Eckpunkte, morgens die ÞLaudes, von lateinisch Lob, am Mittag die Sext, zur 6. Stunde, am Abend die Vesper, lateinisch für Abend. Das Stundengebet besteht hauptsächlich aus Psalmen. Diese werden im Wechsel zwischen zwei „Chören“ gebetet, daher steht im Chor alter Kirchen auf beiden Seiten das Chorgestühl. Aber wie der Engel des Herrn an jedem Ort gebetet werden kann, so auch das Stundengebet, für das es ein kleineres Buch als das in den Abteien genutzte Stundenbuch gibt, nämlich das Brevier, von „brevis“ – kurz.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ