Andachten

Katholiken sind Kirchgänger. Wenn sie in die Kirche gehen, dann wollen sie eine Messe „haben“, denn diese gilt ihnen mehr als andere Gottesdienste. So ist es heute weithin. Jedoch kennt die katholische Kultur andere Formen des gemeinsamen Betens. Eines ist das Stundengebet, das als ständiger Gebetsfluss die Basis des spirituellen Lebens darstellt. Schaut man sich das katholische Liedgut an, so ist dieses nur zu einem geringen Teil für die Gesänge der Messe, nämlich Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Die, geschaffen worden, sondern für Wallfahrten, für den Kreuzweg und für die Andachen, die den Glaubenssinn, den Lebensweg und die Nähe Marias zu Jesus thematisieren.

Nicht nur Wallfahrten, auch der Kreuzweg oder die Maiandacht haben zu dem katholischen Liedgut inspiriert.

Andachten und deutsche Lieder waren einfach auch deshalb beliebt, weil sie nicht das schwierige Latein, das die meisten doch nicht verstanden, erforderlich machen. Denn das II. Vatikanische Konzil hat erst die Messfeier in der Muttersprache eingeführt und noch ein Zweites, was eher beiläufig geschehen ist: Man ging von dem Prinzip ab, dass die Messe morgens gefeiert werden musste. Damit wurde es möglich, dass auch am Samstagabend eine Messe gefeiert werden konnte, denn nach jüdischer Tradition, die auch die Christen übernommen haben, beginnt der Sabbat am Vorabend um 18 Uhr. Deshalb wird am Samstag und an den Abenden vor einem hohen Feiertag nicht die Vesper des jeweiligen Wochentages gebetet, sondern die 1. Vesper des Sonntags, die Zweite folgt am Sonntagabend. Deshalb ist auch der Heilige Abend der Beginn des Weihnachtsfestes.

Nun war der Samstagabend bis zu Beginn des Konzils eine Zeit, in der sich z.B. Jugendliche trafen und die für eine Andacht genügend Leute versammelte, zumal man an Samstagen öfters zur Beichte ging als das heute üblich ist. Die Fußballspiele fanden noch am Sonntag statt und fürs Ausgehen war das Geld noch bei vielen knapp. Den neuen Kinofilm hatte man sich bereits am Freitag angesehen. Für das allgemeine Pfarrpublikum gab es am früheren Abend die Salve-Andacht, die aus dem Rosenkranzgebet mit einem Segen bestand. Dieser Segen wurde nicht mit der Hostie in der Monstranz erteilt, sondern mit dem eucharistischen Brot, das in einem Kelch durch ein Tuch verhüllt auf den Tabernakel gestellt wurde. Die Jugendlichen beteten die Komplet, das letzte Gebet des Stundengebets. Da man immer die gleichen Psalmen und Hymnen sang, konnte die jungen Leute das ohne Organist und auch ohne einen Priester.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ