Allerheiligstes

Heilig ist der Tempelbezirk. Im Jerusalemer Tempel gab es in der Mitte einen Raum, in dem das Wichtigste aufgehoben wurde, die beiden Tafeln der 10 Gebote, die Moses am Berg Horeb erhalten hatte. Der Raum wurde das Allerheiligste genannt. Nur einmal im Jahr betrat der Hohe Priester das Allerheiligste.
Für die Katholiken ist das Heiligste die Hostie. Vor ihr kniet man nieder. In der Monstranz wird das Allerheiligste gezeigt. An Fronleichnam wird es zum Segen für Häuser und Felder durch die Straßen und Wege getragen.

Das Allerheiligste ist nicht mehr an einen Ort der Welt gebunden, sondern es ist überall da, wo im Gedächtnis an Jesus das Abendmahl gefeiert wird.Für die Juden gibt es, nachdem die Römer im Jahre 70 ihren Tempel zerstört haben, kein Allerheiligstes mehr. Sie halten dafür am Wort fest. Im Zentrum ihrer Synagogen steht die Schriftrolle, aus der am Sabbat vorgelesen wird. In der Schriftrolle, aus der später das gebundene Buch geworden ist, sind die Worte Gottes aufbewahrt. Der siebenarmige Leuchter, der im Allerheiligsten des Tempels stand, findet sich in Synagogen wie auch in christlichen Kirchen nachgebildet.

Auch die Christen werden vom Wort Jesu begleitet und sie lesen ebenfalls aus der Bibel der Juden vor. Darüber hinaus gibt es die Gegenwart in der Eucharistie. Im Unterschied zu Taufe, Firmung, Priesterweihe wird das Gegenständliche des eucharistischen Sakramentes als das Allerheiligste verehrt. Das Wasser der Taufe oder das Chrisam der Salbung wird nicht angebetet.

Eigentlich ist das Allerheiligste, die Hostie wie auch der konsekrierte Wein, für den Verzehr bestimmt. Man hat aber schon in der frühen Kirche den Kranken das konsekrierte Brot gebracht. Die nicht verzehrten Hostien wurden in einem Nebenraum der Kirche aufbewahrt. Der heißt bis heute „heiliger Raum“, Sakristei, von lateinisch „sacer“, heilig. Im Mittelalter baute man an die Seite des Chorraums das sog. Sakramentshäuschen mit einem verschließbaren Kasten zur Aufbewahrung der konsekrierten Hostien. Der Barock hat den Kasten dann auf den Altar gestellt, Tabernakel wird er genannt. Wie der Fürst in seinem Thronsaal auf einem erhöhten Platz saß, so inthronisiert der Barock Christus auf dem herausgehobenen Platz des himmlischen Festsaals. Denn wie in einem barocken Schloss ein Festssaal der wichtigste Raum war, so hat der Barock auch die Kirche als Festsaal gebaut. Christus herrscht vom Altar her – das ist die Idee, die der Barock entwickelte.

Die besondere Verehrung der Hostie entstand in Westeuropa erst im Zeitalter der Gotik. Das Neue lässt sich an der Verehrung der ÞReliquien zeigen. Das, was die Heiligen zurückgelassen haben, relinquere heißt zurücklassen, wurde unter dem Altar aufgebahrt. Die Menschen im Zeitalter der Romanik wollten die Reliquien berühren. Die Pilger zogen an den Särgen vorbei und berührten diese. In der Gotik wollte man nicht mehr berühren, sondern sehen. Die großen Fenster zeigen den Wandel. Die Reliquien wurden nach oben geholt und auf den Altar gestellt, verhüllt in einem kunstvoll gestalteten Schrein, auf dem Szenen aus dem Leben des Heiligen dargestellt sind.

Ebenso wollte man die Hostie sehen. Das Sehen war wichtiger als das Essen. So hob der Priester, der damals mit dem Rücken zur Gemeinde, nach Osten hin die Worte Jesu über Brot und Wein sprach, die Hostie und den Kelch über seinen Kopf. Dieser Augenblick wurde in der ÞMonstranz festgehalten.

Bis heute sind die Entwicklungen der Gotik und des Barock bewahrt worden. Die Verehrung des ausgesetzten Allerheiligsten, d.h. wenn das Ziborium mit den Hostien oder die Hostie in der Monstranz auf den Altar gestellt werden, ist wieder für mehr, auch junge Menschen, eine intensive Form des Gebets.

Das Allerheiligste ist immer gegenwärtig, wo in einer Kirche ein rotes Licht in der Nähe des Altars brennt. Es weist darauf hin, dass der Tabernakel nicht leer ist. Es wird „Ewiges Licht“ genannt, weil es die Anwesenheit der Ewigkeit anzeigt, denn das Allerheiligste, nämlich der auferstandene Jesus, der auf wunderbare Weise in jeder Kirche anwesend ist, wird nicht vergehen - auch nicht mit seinem Leib. Denn es ist nicht nur seine Seele gerettet, sondern auch der Leib.Diese Gegenwart hat Jesus nach der Auferstehung seinen Jüngern versprochen.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ