Typisch katholisch

Katholisch – na und?

Modern konnte man das Katholische in den letzten Jahren nun wirklich nicht nennen, aber in der Postmoderne wirkt die katholische Religiosität wieder etwas sympathischer. Selbst der Papst ist nicht mehr ein solches Schreckgespenst der Rückständigkeit und dogmatischen Verbohrtheit. Richtig postmodern sind die Katholiken auch wieder nicht. Da müßten sie schon etwas schräger und schriller daher kommen. Die jungen Leute beim Weltjugendtag waren etwas zu brav, als dass sie so richtig in die Postmoderne passten.

Wie die Postmoderne ist die katholische Ausprägung des Christlichen ein kaum durchschaubares System. Es macht auf der einen Seite das Leben schön, weil es viele Feste zu feiern gibt, viele Heilige im Verlauf eines Jahres an einem bestimmten Datumsplatz stehen und staunen lassen, wie ein Leben laufen kann. Die vielen Feiertage und Freuden, die die katholische Kirche ihren Mitgliedern gewährt, versalzt sie ihnen jedoch durch moralische Appelle, Heiratsverbote, als überflüssig empfundenes Beharren auf Glaubenssätzen. Auch im Jahresverlauf ist der Gegensatz zu beobachten. So schön der Katholizismus das Leben auf Erden erscheinen läßt, im Advent und der Fastenzeit wird dieses Leben wieder madig gemacht. Man soll sich als Sünder fühlen und auf den Tod vorbereiten. Bei einer so düsteren Lebenssicht, die vor allem in der Fastenzeit verbreitet wird, wundert es nicht, dass viele hinter dem blumengeschmückten Weihnachts- und Maialtären die Kerker der Inquisition vermuten. Katholisch sein ist eine Mischung aus Irrationalem und rationalem Denken. Der große Philosoph und Theologe des Mittelalters, Thomas v. Aquin hat alle Glaubensinhalte geordnet und mit Argumenten ausgestattet. Er genießt höchstes Ansehen bei Päpsten und Bischöfen. Dieser und andere großen Denker stehen aber neben einfachen Hirtenkindern und Frauen, die Marienerscheinungen hatten und sich der Verehrung der gleichen Päpste wie der einfachen Leute erfreuen. Es ist diese unüberschaubare Vielfalt, die das Katholische der Postmoderne wieder näher erscheinen lässt. Es ist nicht wie bei Luther ein Prinzip, „Rechtfertigung aus dem Glauben“, nicht mehr und nicht weniger. Natürlich ist für den Katholiken der Glauben unentbehrlich, aber ist die Menschwerdung des Sohnes Gottes nicht genauso fundamental? Oder geht es nicht um die Auferstehung der Toten als Dreh- und Angelpunkt des Ganzen? Für manche Katholiken ist die Verehrung des eucharistischen Brotes das Zentrum ihrer Religiosität. Was ist es denn letztlich, das Katholische? Kann man es nicht auf eine einfache Formel bringen?, hört der Katholik ungeduldige Fragen und bleibt skeptisch. Die lange Erfahrung, die sozusagen genetisch in der katholischen Lebenssicht verankert ist, heißt Skepsis gegenüber all den Glaubenssätzen, man könne die Welt endlich mal in Ordnung bringen, wenn man mit einem Prinzip den Hebel ansetzt. Das traut ein Katholik auch keinem Papst zu, dass er das für die Kirche erreichen könnte, so wie Marx es mit einem Prinzip versucht hat: Der Kapitalbesitz an Fabriken wird abgeschafft und in die Hände der Arbeiter überführt – dann sind die sozialen Probleme mit einem Schlag aus der Welt geschafft. So etwas glaubt ein Katholik einfach nicht. In seiner eigenen Kirche steht er allen Aufforderungen skeptisch gegenüber, eine bestimmte Frömmigkeit könnte die menschlichen Unzulänglichkeiten überwinden, wenn z.B. alle eine ordentliche Marienfrömmigkeit pflegten oder wenn alle die Herz-Jesu-Verehrung zum Zentrum ihrer Frömmigkeit machten. Das kann man machen, aber sich davon zu erhoffen, die Herz-Jesu-Verehrung z.B. würde alles zum Besseren wenden, das ist für einen Katholiken zuviel verlangt. Das Katholische ist eigentlich keine Formel zur Verbesserung der Welt, sondern allenfalls eine Lebenssicht, mit den vielen Unzulänglichkeiten des Lebens fertig zu werden und die Welt doch schön zu finden. Einiges scheint mit der Schöpfung schief gelaufen zu sein, aber Christus hat ja versprochen, alles am Ende in Ordnung zu bringen. Und einen Anfang hat er ja schon gemacht. Deshalb kann man es bei Gott und seinen Heiligen ganz gut aushalten. Wie der Katholik das im einzelnen macht, das soll im Folgenden an Beispielen gezeigt werden. So kann jeder Leser, jede Leserin etwas finden, was zum eigenen Leben paßt und vor allem die anderen verstehen, die mit anderen Lebenspraktiken ihr Leben zu meistern versuchen.

Der Katholizismus ist eine Mischung mit vielen Gewürzen, die der Engländer John Henry Newman eine Idee nennt, etwas, die, anders als eine Meinung, uns nicht los lässt, möge sie sich auf Tatsachen beziehen oder auf Prinzipien der Lebensführung, möge sie Lebens- und Weltanschauungen sein oder auch Vorurteile, Einbildungen oder Überzeugungen beinhalten. (in „Über die Entwicklung einer Glaubenslehre, Bd. 8 der ausgewählten Werke, Mainz 1969 S. 35) Was sind die Tatsachen, was sie die Prinzipien der Lebensführung, was sind die Vorurteile und die guten Überzeugungen?