Stadtpastoral

Konturen für die Seelsorge in der Stadt

Die Städte sind nicht familienfreundlich. Ehepaare mit Kindern ziehen daher ins Umland und fahren in die Stadt, um zu arbeiten. Diejenige, die studieren wollen, die Arbeit suchen, die Menschen kennenlernen und einen Partner suchen, zieht es in die Stadt.

In der Stadt herrscht eine Vielfalt an Lebensstilen, ein großes Angebot, wie man sein Leben gestalten will. Die Forschung unterscheidet mindestens zehn unterschiedliche sozio-kulturelle Milieus. Zu einem dieser Milieus will jeder dazu gehören. In der Zeitschrift, die auf ein bestimmtes Milieu ausgerichtet ist, finden sich die Ratschläge, wie man sich kleidet, was man für die Gesundheit tun muß, welche Musiktitel man kennen sollte. Jedes dieser Milieus hat seine eigenen Treffpunkte – bestimmte Kneipen, um Kinos herum, an Sportstätten, Theater, Galerien, Konzertsäle – man muß nur hingehen, um ein bestimmtes Milieu anzutreffen und Kontakt aufzunehmen. Ein Treffpunkt sind auch die Kirchengemeinden. Wie an anderen Treffpunkten trifft man auch bei den Kirchengemeinden auf einen bestimmten Menschentyp. Die Leute sind in einer bestimmten Weise gekleidet, oft so, als würden sie zu einem Ausflug aufbrechen. Wandern kennzeichnet das Milieu und eine bestimmter, etwas ausgefallener Musikgeschmack, der auf keiner Radiowelle tagsüber zu hören ist. Wenn man dazugehören will, verliert man für das Milieu, das einem altersmäßig und von der Wertorientierung entspricht, den Zugang. Denn die Milieus sind auf Abgrenzung bedacht. Das Liegt daran, dass kein Gruppe mehr eine solche Größte erreicht, dass sie für andere bestimmend sein könnte. Das war in den achtziger Jahren noch anders. Da vereinigte die Mitte der Gesellschaft noch mehr als 40% der Bevölkerung auf sich, sie konnte sich den anderen Milieus noch überlegen fühlen.

Heute müssen sich die Lebensstile wegen der Kleinheit der Gruppe mehr nach außen abgrenzen. Sie verlangen einen bestimmten Stil, sich zu kleiden, Anwesenheiten bei bestimmten Anlässen und Autotypen, die man fahren muß, um seine Zugehörigkeit auszudrücken. Das kirchliche Milieu ist wahrscheinlich offener für Neuzugezogene als viele andere. Aber es schließt auf Grund des Lebensstils, der Kleidung, des Musikgeschmacks faktisch die meisten anderen aus. Man wandert, fährt aber nicht Inlinescater und trägt auch nicht das obligatorische Schwarz der Kunstszene. Muss die Kirche sich aber so auf ein Milieu einstellen und einschränken, wie sie das heute tut?

Die jetzige Situation ist aus der Geschichte zu verstehen. Die Pfarrei, wie sie heute noch betrieben wird, ist erst im 19. Jahrhundert entstanden. Der Katholizismus lag nach den napoleonischen Kriegen und dem Verlust der Klöster und des Grundbesitzes durch die Säkularisation völlig danieder. Zwar wurden nach dem Wiener Kongreß die Bistümer neu geordnet und auf die neu entstandenen Länder abgestimmt, aber die innere Lebendigkeit fand der Katholizismus erst mit der Revolution von 1848 zurück und entfaltete sich dann kräftig. Die soziale Frage, durch die Industrialisierung ausgelöst, die Landflucht, die neuen Stadteile – für all das waren die Pfarrei, die neue gegründeten Verbände und die Ordensgemeinschaften die richtige Antwort. Katholiken waren zwar auch damals verschieden, aber nicht so wie heute. Die heutige Differenzierung wurde durch die Achtundsechziger Bewegung angestoßen, ihr eigentlicher Motor ist jedoch die Konsumgüterindustrie in Verbindung hochspezialisierter Medien, mit denen jede Zielgruppe unmittelbar erreicht wird.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß es verschiedene Modelle gab, die verschiedenen Menschengruppen in der Stadt religiös anzusprechen.

Die mittelalterlich Stadt kannte neben der Pfarrstruktur die Klöster der Bettelorden, die jeweils einen anderen religiöse Stil pflegten, eine andere Spiritualität vermittelten und damit dem Bewohner eine größere Auswahlmöglichkeit boten als die heutige Pfarrstruktur. Für eine Seelsorgsplanung, die die städtische Bevölkerung so nimmt, wie sie heute nun einmal ist, ergeben sich folgende Konturen:

Kirchen als Zentren
Angebote und Versammlungsräume sollten mit einer Kirche verbunden sein. Das ist nicht nur das Markenzeichen für „Kirche“, sondern wird auch dem Grundanliegen gerecht, dass Menschen ihrer Beziehung zu Gott eine Ausdruckform und Gestalt geben wollen. Da die Späte Moderne der religiösen Dimension des Menschen wieder offener gegenübersteht, sollten Kirchenräume für die religiöse Kommunikation wieder mehr genutzt werden.

Gemeinschaften als Träger
Spiritualität ist etwas, das ein einzelner nur schwer ohne Beziehung zu einer Gemeinschaft leben kann. Eine Spiritualität, die nicht wie ein Strohfeuer nur kurz aufflackert, braucht eine Gemeinschaft als Träger. Wie im Mittelalter sollten die Ordenshäuser mehr als einen Gottesdienst anbieten, sie sollten ihre Hauskapellen aufgeben und anderen die Teilnahme an ihren Gebetszeiten ermöglichen. Die neuen geistlichen Gemeinschaften, die wie z.B. das Neokatechumenat, die Kirchen meiden und ihre Gottesdienste im Pfarrheim feiern, sollten sich ebenfalls öffnen. Auch eine Pfarrei braucht neben den Hauptamtlichen eine Gruppe, die für eine bestimmte Zielgruppe Gottesdienste anbietet.

Monokultur Messfeier
Die katholische Kirche kannte früher eine reichere Praxis unterschiedlicher Gebets- und Gottesdienstformen. Heute sind neue Formen notwendig, die auch denen das Gebet ermöglichen, für die die Messfeier noch nicht so leicht mit vollziehbar ist. Mehr Gottesdienste und weniger Messen, vielgestaltige Gottesdienstformen und unterschiedliche Zeiten, die dem Lebensrhythmus der verschiedenen Zielgruppen angepaßt sind, braucht die Kirche in der Großstadt.

Die Bedeutung der Musik
Eine der Hauptursachen dafür, dass die Kirche bestimmte Soziale Milieus nicht erreicht, ist nicht in den Inhalten der Gottesdienste begründet, sondern in ihrer Ästhetik. Ein entscheidender Faktor ist die Musik. Das sog. „Geistliche Lied“ kann heute nicht die verschiedenen Milieus einer Großstadt ästhetisch ansprechen, die nicht mehr die Gottesloblieder singen wollen. Jede Großstadt braucht ein, zwei Kirchen, wo Neues komponiert und aufgeführt wird, damit nicht erst bei einem Katholiken- oder Weltjugendtag eine neue Musik ausprobiert werden muß. Weiter sollte es eine Kirche geben, in der der gregorianische Gesang gesungen wird, eine andere, in der Messen der Wiener Klassik aufgeführt werden.

Konzentration auf das Religiöse mit einer großen Breite der Gottesdienstformen und Spiritualitäten – das würde den sozio-kulturellen Milieus der Stadt in der Spätmoderne gerecht.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ