Sinus-Liturgie

Vorüberlegungen:

 1. Mit der radikalen Wende des Denken von der Welt her hin zum Denken vom Subjekt her wandelt sich auch das ästhetische Empfinden. Gerhard Schulze beschreibt die Ästhetik in seinem Buch „Die Erlebnisgesellschaft“ auf dem Hintergrund der bundesrepublikanischen Entwicklung nach dem Krieg. In der Mangelgesellschaft hatte man wie von selbst Ziele von außen gesetzt bekommen. Es ging um die Sicherung der Existenz und um den Aufbau eines bescheidenen Wohlstands: Je mehr die Existenz gesichert war, muss sich der Mensch in der Überflussgesellschaft die Ziele selbst setzen. Die Sinnfrage, die Anfrage an den Einzelnen, rückt das Projekt des „schönen Lebens“ und die Ästhetik in den Vordergrund. Es geht nicht mehr um die Frage: Wo bekomme ich heute ein Stück Brot her? Vielmehr lautet sie: Welche von 200 Brotsorten wähle ich aus? Was verschafft mir ein befriedigendes Erlebnis? Und dabei spielen subjektive und vor allem ästhetische Perspektiven eine immer stärkere Rolle. Auf die Liturgie übertragen bedeutet dies: Es gilt nicht so sehr die Frage, ob sie „richtig“ oder „falsch“ ist, sondern insbesondere, ob sie „schön“ ist und eine Beitrag zum „schönen (Er-)leben“ leistet.

2. Die Menschen heute denken vom Ich und nicht mehr von einem Dogmatismus her. Nicht weil die Liturgie das oder jenes behauptet, wird sie wertgeschätzt, sondern weil sie die persönliche Erfahrung ermöglicht. Die Liturgie wird dann erfolgreich sein, wenn sie die Existenz des Menschen in den Mittelpunkt stellt und sich fragt, wie Gott hier im Spiel ist. Die Liturgie von Gott her aufzubauen und dann zu fragen, was sie für den Menschen bedeutet, ist weit schwieriger für das Verständnis der Menschen. Das ist Aufgabe der offiziellen Liturgie. Daneben werden präkatechumenale und katechumenale Formen für Menschen, die nur punktuell zur Liturgie kommen, immer wichtiger.

 3. Die Nähe Gottes ist das Kennzeichen einer christlichen Liturgie. Wir feiern als Gemeinde, die sich als Volk Gottes versteht, nicht als Zuschauer. Dieser Grundsatz des Konzils sieht Gott in der Mitte der Gemeinde. Er ist ihr ganz nah. Es ist nicht der Gott, der in weiter Ferne wohnt und zu dem der Priester allein einen Zugang hat und als „Mittler“ fungiert, wie das noch in der vorkonziliaren Liturgie verankert war, zumindest im Denken. Auch der postmoderne Mensch sieht den ganzen Kosmos als von Gott erfüllt. Das kann zur Sprache gebracht werden. Die kosmologische Dimension, die dem Einzelnen einen größeren Horizont eröffnet, ist sowohl vom Gottesdienstgeschehnen wie auch vom „Zeitgeist“ her eine Bereicherung für die Liturgie.

 4. Die prophetische Dimension des Gottesdienstes wird wichtiger denn je. Die Faszination vor dem Machbaren ist heute allgemein anerkannt. Auch die Liturgie ist zwar etwas vom Menschen „Gemachtes“. Aber letztendlich geht es um die Zusage, dass der einzelne und die Gemeinde in der Liturgie etwas geschenkt bekommen, was nicht von Menschen gemacht ist.

 5. Menschen sind heute herausgefordert, die eigene Mission und Berufung für sich zu spüren. Gottesdienste, die sie in den Mittelpunkt stellen und mit dem Wesentlichen des Lebens (das Wesentliche ist dabei noch nicht definiert und kann immer nur in Beziehung zu dem gesehen werden, nach dem die Menschen fragen!) konfrontieren, sind „zeitgemäß“. Dafür braucht es intensive Vorbereitung und unterschiedliche Formen, die den Menschen ein Angebot machen.

6. Die Kirche hat immer an den Grenzpunkten des Lebens Liturgie gefeiert. Diese Grenzpunkte sind heute sehr vielfältig. Es sind nicht mehr nur die klassischen Übergänge wie Geburt, Tod, Übergang vom Kindsein zum Jugendlichen und vom Jugendlichen zum Erwachsenen, sondern auch das neue Leben nach einer gescheiterten Beziehung, die Übergänge von einem Beruf in einen anderen, das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben usw. Von daher sind für diese Übergänge Gottesdienste anzubieten, weit mehr als früher, z.B. Segnungsgottesdienste, Gottesdienst nach besonderen Ereignissen wie dem 11. September, Gedenkgottesdienste am Tag für die Opfer des Nationalsozialismus, Friedengottesdienste, allesamt Gottesdienste, die das Urvertrauen des Menschen in eine „göttliche“ Macht zum Ausdruck bringen usw.

7. Die Liturgie ist nur noch einer unter vielen Angeboten auf dem Markt der Lebensentwürfe. Will die Kirche mit ihrem liturgischen Angebot bei den neuen Milieus ankommen, muss sie diese akzeptieren. Wenn sie sich das klar macht und qualifiziert Gottesdienst feiert, ohne darauf zu setzen, die Menschen jeden Sonntag binden zu wollen, hat sie eine Chance, sich zu behaupten. Schließlich hat keine andere Institution eine längere Erfahrung als die Kirche. Verkürzt gesagt: Ihr Gottesdienst muss Profil zeigen, nicht um zu rekrutieren, sondern um die Menschen überhaupt erst einmal wieder mit Jesus Christus in Kontakt zu bringen.

8. Eine Öffnung der Liturgie zur Ästhetik der neuen Milieus braucht Zeit. Da aber die Zeit immer schneller wird, kommt insbesondere die Kirchenmusik der neuen Ästhetik nicht nach. Hier gibt es objektive Schwierigkeiten und bestenfalls Versuche, an das Problem heranzukommen.

9. Das alles wird nur ermöglicht, wenn zum einen die Musik sich dem Geschehen öffnet und zum anderen das ganze Ambiente entsprechend gestaltet wird. In dieser Hinsicht tut sich die Liturgie noch schwer, insbesondere die Kirchenmusik.

Von diesen Vorraussetzungen ausgehend, gibt es für die Liturgie große

Chancen

1. Gottesdienste brauchen den Event. Der Event ist nichts von vorneherein Schlechtes. Er ist eine Vergemeinschaftungsform von heute. Es braucht Werbung und Öffentlichkeitsarbeit für diese Art von Gottesdiensten, vgl. Weltjugendtage, die Events schaffen und nutzen.

2. Segnungsgottesdienst für die neuen Lebensübergänge, z.B. für geschiedene Paare, für Berufswechsler, für Menschen, deren Kinder aus dem Haus gehen, Segnungsgottesdienst am Valentinstag, zu Anlässen einer Stadt (z.B. der Mantelsonntag in Mainz oder die Frankfurter Buchmesse oder das Johannisfest in Mainz)

3. Es braucht Orte, die für bestimmte Milieus Gottesdienste anbieten und zwar überregional, nicht nur für die Pfarrgemeinde
Beispiel: Der Trauerraum in Mainz bietet dreimal im Jahr einen Trauergottesdienst für Verstorbene aus der ganzen Stadt Mainz mit einem anderen Ritual als dem bekannten an. Im Mittelpunkt steht eine Kerzengang zur Trauermauer aus losen Backsteinen mit der Möglichkeit zu erzählen, was man dabei empfindet oder einen Zettel in die Wand zu stecken.

4. Eine besondere Form eines „vorliturgischen“ Geschehens ist der Karfreitagsgang. Er stellt die menschlichen Erfahrungen in die Mitte. Ein moderner „Kreuzweg“ zu bestimmten Gedenkorten der Stadt Mainz. Zuerst wird an das Geschehen am Ort erinnert, danach wird es in Beziehung gesetzt zum Karfreitag. Dazu gibt es eine nicht alltägliche Musik, Panflöte, Violine, Karfreitagsblues.

5. Gottesdienste für das Internet sind erst noch zu entwickeln. Sie werden aber aufgrund der neuen Form der Netzwerkbildung immer dringender.

6. Eine gepflegte alte Liturgie gehört ebenso dazu, die schauen, staunen lässt und erhebend wirkt.

7. Die Gottesdienstzeiten müssen sich den Menschen anpassen und nicht die Menschen den Gottesdienstzeiten. So ist auch um 21.00 Uhr am Sonntagabend noch eine Messe denkbar unter ganz besondere Berücksichtigung der Fragen von einzelnen Milieus.

8. Besondere Gottesdienstzeiten sind zu kreieren, z.B. anlässlich der Nacht der Kirchen, mal mehr nach der Jugendkultur, mal mehr nach den einzelnen Milieus usw.

9. Für Milieus der neuen Unterschicht braucht es in der Sprache ganz einfache und auf praktische Problemlösungen zielende Gottesdienste. Z.B. einen Motorradgottesdienst, einen Skatergottesdienst usw.

10. Liturgien im Zusammenhang mit anderen Initiativen. Z.B. Eine Nachtwanderung für Männer am Gründonnerstag mit liturgischen Elementen.

11. Entscheidend ist das „Zeugnis geben“. Der Gottesdienst vermittelt, dass jemand in dieser Haltung besser lebt. Das glaubt man dem einzelnen, wenn es nicht nur verkündet, sondern auch tatsächlich gelebt wird.

12. Die Option für die Armen heißt heute nicht mehr nur, für die Benachteiligten da zu sein. Sie heißt auch eine Antwort zu geben, wie das Leben glücken kann. Denn es gibt auch eine psychische Armut. Von daher sind Glaubenszeugen im Gottesdienst gefragt, Menschen die das leben, was gesprochen wird.

13. Passagere Formen von Gottesdiensten, z.B. die Atempause am Mittag, die religiöse Filmnacht oder das Sonntagstheater, sind Feiern, die den Menschen entgegenkommen. All das hat auf den ersten Blick wenig mit Liturgie zu tun, aber ließe sich mit dem, was Liturgie sein will, durchaus verbinden.

14. Vor allem aber brauchen wir einen „neues“ und tieferes Verständnis der Eucharistie, das sich weniger von der Feier selbst und den Rubriken leiten lässt und diese so sehr in den Mittelpunkt stellt, dass sich die heilige Messe fast verselbständigt, sondern das die Messe als rituelles Geschehen begreift, das auf dem Hintergrund von Tod und Auferstehung Jesu insgesamt das Leben, und zwar das umfassende Leben vor und mit Gott feiert, in dem jeder einen Platz erhält. Eucharistie ist nicht nur die Versammlung an einem bestimmten Ort, sondern das diakonale Geschehen, das letztlich zu einer umfassenden Gemeinschaft führt. (vgl. Johannes-Evangelium).

Autor: Wolfgang Fischer