Sinus Ende der Pfarrei

Das zentrale Problem der katholischen Pfarrei, der Rückgang der integrierenden Bevölkerungsgruppe

In den Pfarreien spürt man den Rückgang, weniger Leute nehmen an Gottesdiensten teil und lassen sich für das klassische Ehrenamt motivieren. Meist wird das auf Schwierigkeiten der Glaubensvermittlung zurückgeführt. Aus den Entwicklungen der Sinus-Milieus gibt es eine weitere Erklärung. In den achtziger Jahren machte die Bürgerliche Mitte und das traditionsorientierte kleinbürgerlich Milieu noch 60% der Bevölkerung aus. Genau das sind aber die Menschen, die mit dem Modell Pfarrei etwas anfangen können. Die Werte, die in der Pfarrei eine Rolle spielen, sind auch für deren Leben leitend. Da die Bürgerliche Mitte auf 14% geschrumpft ist, gibt es einfach weniger Menschen, die die etwas eintönige Athmosphäre des Sonntagsgottesdienstes als ihnen angemessen finden und die in Kindergartenbeiräten und Gremien der Pfarrei aktiv mitmachen. Das traditionsorientierte Milieu ist nicht so geschrumpft, es erhält auch wieder Zuwachs durch Jüngere, die sich bewusst für die Werte der Tradition entscheiden, jedoch sind die Bewohner dieses Milieus nicht bereit und fühlen sich auch nicht dazu berufen, aktiv das Leben der Gemeinde zu gestalten.

Schlussfolgerung: Der Kirche sind die Menschen abhanden gekommen, die für das Kommunikationsmodell Pfarrei kompatibel sind. Es fehlen die Menschen, die sich in Vereinen engagieren, in Kindergartenbeiräten, Schulpflegschaften und kirchlichen Gremien aktiv werden und die auch von ihrem beruflichen Hintergrund her mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen „können“.   

 

Die Bürgerliche Mitte integriert nicht mehr
Da die Bürgerliche Mitte so klein geworden ist, fühlen sie sich nicht mehr stark genug, die anderen Milieus zu integrieren. Das haben sie bis Ende der Achtziger Jahre noch gemacht. Diese Gruppe verteidigt jetzt nur noch ihren Lebensstil, sie ist nicht mehr integrativ tätig, denn die Menschen spüren, dass sie zu wenige sind, um die anderen Milieus zu integrieren. Deshalb schotten sie sich ab und machen in vielen Fällen die Pfarrei zu dem Lebensraum, der „ihnen gehört“. Als Mitte der Gesellschaft wissen sie allerdings unbewusst, dass sie „richtig liegen“. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung anders „tickt“, urteilt die Bürgerliche Mitte, dass es die anderen sind, die von der Normalität abweichen. Denn in der Mitte fühlt man instinktiv, dass man die Norm darstellt, die anderen Milieus es sind, die von der Norm abweichen. Daher kommt eine gewisse Überheblichkeit, die jedoch immer mehr mit Angst gepaart ist, dass sie nicht mehr, obwohl sie eigentlich auf dem richtigen Weg sind, die Richtung bestimmen können. Die Auflösung der Volksparteien ist eines der Symptome, die Auflösung des Pfarrprinzips ein anderes.    

Konsequenzen für die Pfarrei
Versteht man die Pfarrei als Kommunikationssystem, so ist dieses stark an der Familie orientiert. Krabbelgruppen, Kindergarten, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit, Familienkreise, Goldene Hochzeit Begräbnis beschreiben die typische Biographie der Milieus, die die Pfarrei anspricht: Traditionsorientierte, Bürgerliche Mitte, Postmaterielle. Hinzu kommen die meist konventionelle Musikauswahl für die Gottesdienste, ein Sprachstil, der bei den jüngeren Milieus nicht gepflegt wird und Präferenzen für eine bestimmte Mode, die in den jungen Milieus kaum Anhängerinnen hat. Die Kommunikationskultur der Pfarreien ist nur noch für wenige Milieus kompatibel, weil es eben den „Katholiken“ nicht mehr als Lebensstil gibt, sondern auch die Katholiken sich den verschiedenen Lifestyle-Konzepten zuordnen und viele daher nicht mehr „Pfarrei-kompatibel“ sind.

Die Pfarrei, so wie sie nach den napoleonischen Kriegen entwickelt wurde, kann trotz ihres großen Erfolges nicht mehr die Basis für die Seelsorge in einer Gesellschaft sein, die durch die Sinusmilieus beschrieben wird.

Seelsorgsbereiche und Spezialisierung
Wenn in der bisherigen Pfarrei nur wenige Hauptamtliche tätig waren, dann konnten und können sie auch nur wenige Milieus erreichen. Denn niemand ist psychisch und kräftemäßig in der Lage, mehr als zwei, vielleicht drei oder auch vier Milieus anzusprechen. Deshalb müssen größere Einheiten mit größeren Teams eingerichtet werden, damit die Seelsorge differenziert werden kann. Die Hauptamtlichen können dann so eingesetzt werden, dass sie für die Zielgruppen arbeiten, zu denen sie „einen Draht“ haben. Das ist vergleichbar mit einer spätmittelalterlichen Stadt mit ihren verschiedenen Ordensgemeinschaften. Auch wenn deren Kirchen eng zusammen lagen, waren es andere, die zu den Franziskanern gingen als zu den Karmeliten oder Augustinern.

 

 

 

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ