Seelsorge 21.Jh.

Warum die Kirche große Teile der Bevölkerung nicht mehr anspricht.

Die katholische Kirche macht im Moment einen tiefgehenden Umstrukturierungsprozeß durch. Das 150 Jahre lang höchst erfolgreiche Sozialmodell „Pfarrei“ wird durch eine vernetzte Struktur neuer Seelsorgseinheiten abgelöst. Priester und andere Hauptamtliche sind nicht mehr nur für eine oder zwei Gemeinden zuständig, sondern vier oder sogar acht und zehn Pfarreien werden zu einem neuen Verbund zusammengeschlossen. Diese Veränderung in der Organisation der Seelsorge werden den Kirchenmitgliedern als Folge des Personalmangels und zurückgehende Finanzen erklärt. Aber die Finanzsituation ist nicht zuletzt dadurch entstanden, daß viele, die katholisch getauft wurden, keinen Beitrag mehr zur Finanzierung der Kirche leisten und viele Eltern ihre Kinder nicht mehr taufen lassen. Die jüngere Generation wendet sich der Religion wieder zu, die mittleren Altersgruppen haben sich jedoch von der Kirche distanziert. Was ist der Grund, warum sich das Sozialmodell „Pfarrei“ nicht mehr als so bindungsfähig erweist wie für frühere Generationen?

Die Pfarrei erhebt den Anspruch, alle Katholiken ein Zuhause zu bieten. Das setzt aber voraus, daß die Katholiken sich im Ganzen so ähnlich sind, daß sie sich in einer Institution aufgehoben fühlen können. Das ist aber heute nicht mehr möglich, wie es auch die Gewerkschaften und großen Volksparteien erleben müssen. Die tiefgehenden gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 30 Jahre haben dazu geführt, dass Katholiken nicht mehr nur einem sozio-kulturellen Milieu angehören, sondern so verschieden sind wie die Gesellschaft auch. Im Moment erreicht die Kirche nur die Mitglieder der Bürgerlichen Mitte (14% der Bevölkerung), die Traditionsverwurzelten (15%) und die Konservativen mit hohem Einkommen (10%) erreichen. Das sind aber nur ein Teil der Bevölkerung. Einige der Postmateriellen (7%) finden sich wahrscheinlich in den Katholischen Jugendverbänden, aber nicht bei Kolping. Die „Modernen Performer“ (7%) leben, wenn sie verheiratet sind, in den Neubaugebieten um die Großstädte herum, finden aber wohl kaum den Weg zur Kirche im alten Ortskern. Der kurze Überblick zeigt, daß eine neue Konzeption der Seelsorge notwendig ist, soll die katholische Kirche sich nicht mit den Traditionsverwurzelten und der Bürgerlichen Mitte selbst überleben. Seelsorge muß sich differenzieren, sie kann nicht mit nur einer Gottesdienstform, einem Modell der Erwachsenenbildung, einer Form der Katechese alle Gruppen der Bevölkerung erreichen. Vor allem muß die Kommunikation mit der mittleren Generation neu aufgenommen werden. Dafür liefern neuere Untersuchungen Ansatzpunkte, die produktiv genutzt werden können.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ