Lifestyle-Spiritualität

In der Konsumgesellschaft verwirklichen Menschen ihren Lifestyle, indem sie eine bestimmte Automarke fahren, sich durch eine Moderichtung in besonderer Weise in der Öffentlichkeit zeigen, indem sie eine bestimmte Musik hören, sich in Discos oder Konzertsälen treffen. Man gibt dem Tagesablauf, dem eigenen Auftreten eine bestimmte Form und beschäftigt sich mit bestimmten Medien, die alle Informationen enthalten, wie man die Vorstellungen vom Leben verwirklicht. Wenn man nicht in Konzerte geht, mit dem Auto keine Tour gemacht hat, nicht in einem Lokal gegessen, auf einer Insel Urlaub nicht gemacht hat, diese Musik nicht hört, dieses Zeitschrift nicht liest, dann verwirklicht man die Vorstellungen nicht, die man vom eigenen Leben mit sich herumträgt. Man muss im Leben etwas umsetzen, um den gewählten Lifestyle auch u verwirklichen.

Die gleichen Kriterien werden von religiösen Menschen auch in Bezug auf die Verwirklichung ihrer Religiosität beachtet. Wer eine benediktinische Spiritualität lebt, für den ist das Stundengebet wichtig, er wird sich öfters in Abteien aufhalten oder um Aufnahme in eine Gemeinschaft von Mönchen oder Nonnen bitten. Wer sich der ignatianischen Spiritualität verschrieben hat, wird die Exerzitien des Ignatius von Loyola machen und sich im Tagesablauf an die Vorgaben des Ignatius halten, die u.a. einen Tagesrückblick mit Gewissenserforschung  vorsieht. Zur Verwirklichung der Spiritualität gehört auch die Lektüre einer Zeitschrift, dass man sich über Neuerscheinungen zum Themengebiet informiert und im Fernsehen oder auf Video bestimmte Filme gesehen hat, die sich mit der jeweiligen Spiritualität beschäftigen. Wer es nicht tut, gehört nicht dazu und prägt die gewählte Spiritualität nicht in seinem Leben aus. Lifestylekonzepte und spirituelle Lebensformen haben gemeinsam, dass sie sich in eine bestimmte Praxis umsetzen. Weiter gehört die Nutzung bestimmter Medien, die sich mit dem Lifestyle bzw. der Spiritualität beschäftigen, dazu.

Eine Spiritualität unterscheidet sich dem Inhalt, nicht aber dem Muster der Umsetzung nach, von einem Lifestyle-Konzept. Für die Orden und andere Gemeinschaften, die eine spirituelle Praxis anzubieten haben, lohnt es sich, die Lifestylekonzepte der jüngeren und mittleren Generation zu studieren und zu prüfen, zu welchem dieser Lifestylekonzepte es eine Brücke aus der eigenen Spiritualität gibt. Eine Brücke sind die Werte, um die es in dem jeweiligen Lifestylekonzept geht. Es könnte sein, dass gerade die Vielfalt der Spiritualitäten, die sich im Katholizismus entwickelt haben, eine gute Voraussetzung sind, mit den so verschiedenen gewordenen gesellschaftlichen Gruppen der Späten Moderne ins Gespräch zu kommen. Das ist der Kirche in früheren Generationen schon gelungen.

Im Mittelalter differenzierte sich die städtische Bevölkerung durch die Zünfte mit ihren verschiedenen Mentalitäten. Die unterschiedliche Kleidung machte nach außen sichtbar, zu welcher Gruppe man gehörte. Das prägte auch die Gestaltung des Alltags. Diesen mittelalterlichen Lifestylekonzepten begegnete die Kirche, indem sie jeder Zunft und damit jedem Konzept einen Schutzpatron, bestimmte Feste und ein eigenes Brauchtum gab. Jeder konnte aus seiner gesellschaftlichen Verortung heraus einen religiösen Bezug und eine spirituelle Alltagspraxis entwickeln, ohne seine eigene Kultur verlassen zu müssen. Heute fordert die Kirche, dass die meisten Bewohner der Späten Moderne sich dem Kommunikationsstil der Bürgerlichen Mitte annähern, denn diese bestimmt den Lifestyle einer katholischen Pfarrei.

Auch das 19. Jahrhundert, das einen eher uniformen Typus von Katholisch-Sein hervorgebracht hat, differenzierte sich. So nahm die Missionsbegeisterung Motive des Zeitalters der Entdecker auf. Die Handwerker, die in die Stadt zogen, entwickelten in den Kolpingfamilien eine eigene religiöse Kultur. Auf die Jugendbewegung antwortete die Kirche mit eigenen Jugendverbänden.

Kritisch ist zu fragen, ob die neuen geistlichen Bewegungen ihre Chancen schon ausgeschöpft haben, wenn sie sich mit Kolping oder dem Bund Neudeutschland vergleichen. Sie haben die Breitenwirkung dieser Verbände nicht erreicht, weil sie offensichtlich zu sehr auf sich selbst bezogen bleiben. Wer von ihnen interessiert sich für die „Modernen Performer“? War nicht Franziskus zu seiner Zeit ein Postmaterieller  und Ignatius ein Expedieitven? Und wer interessiert sich für die Religiosität, die bei den Hedonisten oder den Konsumorientierten?

So nahe die Umsetzung eines Lifestylekonzepts einer Spiritualität auch ist, den spirituellen Gruppieren ist es noch nicht gelungen, an die Lifestylekonzepte anzuknüpfen und zu zeigen, wieviel erfüllter ein Leben ist, wenn eine bestimmte Spiritualität zur Alltagspraxis wird.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ