Unterscheidung der Geister

Es geht um die inneren Bewegungen, um Elan, etwas zu entscheiden, um Mattigkeit, Widerwillen, Ärger und Wohlwollen. Dieses Ineinander verlangt nach Klärung, um handlungsfähig zu werden. In diesen inneren Stimmen hört die Unterscheidung den Geist Gottes heraus.

Mit unserem Leben, mit dem, was wir beobachten, in den Gesprächen mit anderen, in allem, was auf uns einwirkt, auch wenn wir selbst handeln, laufen unterschiedliche Stimmungen mit. Wir haben jeden Moment ein Gespür, das uns die Qualität des Gesprächs, die Klarheit unserer Entscheidungen spiegelt, ob wir von etwas getrieben werden oder Herr im eigenen Hause sind. Wenn wir aus einem unguten Gefühl heraus passiv bleiben, wenn wir uns nicht zu einer Entscheidung durchringen können, wenn der Neid uns besetzt hält oder der Zorn uns mitreißt, dann sind wir Getriebene.

 

Abstand zu den Gefühlen

Um die eigene Freiheit zurückzugewinnen, ist der Blick auf die inneren Bewegungen notwendig. Ich soll nicht mehr der Euphorische oder Zornige sein, sondern derjenige, der auf seine Euphorie oder seinen Zorn blickt, um eben unterscheiden zu können.
Die Gefühlslagen, die ja selten ruhig sind, sondern in Bewegung auf etwas hin tendieren und, z.B. aus Enttäuschtsein oder einer Verlockung heraus mich zum Handeln treiben, sollen ihre Unmittelbarkeit verlieren.

 Die Kriterien sind Gefühlsqualitäten

Um aber zu unterscheiden, braucht es Kriterien. Es gibt äußere Kriterien, so die Zehn Gebote, dass ich etwas versprochen habe, so dass ich mich daran halten muss, Gelübde, Selbstverpflichtungen eines Berufsstandes. Diese sind aber oft nicht berührt, wenn es z.B. meine schlechte Laune geht. Diese kann aber ein entscheidender Wink sein, nach der Ursache zu schauen. Bin ich mit mir unzufrieden, weil ich im Gespräch unaufmerksam war, eine mangelhafte Arbeit abgeliefert, einen Termin versäumt habe. Oder bin ich "übers Ohr gehauen worden", auf etwas reingefallen, ausgenutzt worden? Ist ein guter Vorschlag von mir blockiert worden?

Es sind die Qualitäten der Gefühle, die mich das Gewirr der Stimmungen und Regungen ordnen lassen. Ärger, Zorn, Trotz, Wut zeigen mir den Weg zu Enttäuschungen, Misserfolgen, gehetzt sein, eigener Nachlässigkeit, schlechter Planung, mangelndem Engagement. Helle Gefühlsqualitäten wie Freude, Versöhnlichkeit, Motivation, Energie weisen mich auf Anerkennung meiner Person, positive Aufnahme meines Vorschlags, Zufriedenheit mit dem, was ich eingebracht habe, auch auf genügend Schlaf und Leistungsfähigkeit hin. Mit diesen Gefühlen reagiere ich auf das, was ich erlebt habe, was mir am Tag widerfahren ist.

 

Mein Lebensentwurf bewirkt Gefühle

Es gibt Gefühle, die darunter liegen. Ich kann von Unruhe hin und her getrieben sein. Eine Unzufriedenheit nagt an mir. Oder ich bin mit mir im Reinen, in mir ist licht, ich kann mit Widerständen fertig werden, ohne bitteren Nachgeschmack. Eine wichtige Entdeckung des Erfinders der Exerzitien, Ignatius‘ von Loyola, erkennt in diesen Gefühlslagen, wie ich abhängig von meiner Grundeinstellung zum Leben bin. Für Ignatius ist die eine Grundposition, "in Sünde" zu leben, in der Missachtung ethischer Normen, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, einer schlechten Neigung ausgeliefert, von etwas abhängig, was die Freiheit dauerhaft einschränkt. Für die erste Phase der Exerzitien, in der es um Reinigung geht, hat er Beobachtungskriterien zusammengestellt. Die zwei ersten von 14 Regeln, die den Widerstreit der Gefühle beschreiben, seien hier wörtlich zitiert.

DIE ERSTE REGEL. Denen, die von Todsünde zu Todsünde gehen, pflegt der Böse Feind gemeinhin augenscheinliche Lust vorzustellen, indem er Bilder sinnlicher Ergötzungen und Lüste hervorruft, um sie jeweils mehr in ihren Lastern und Sünden zu bewahren und zunehmen zu lassen. Der gute Geist verfährt bei solchen in entgegen gesetzter Weise; er stachelt sie auf und gibt ihnen Gewissensbisse im inneren Instinkt der Vernunft.

 

DIE ZWEITE. Bei denen, die entschieden voranmachen in der Reinigung von ihren Sünden und die im Dienste Gottes Unseres Herrn vom Guten zum je Besseren übergehen, findet eine Weise statt, die der ersten Regel entgegengesetzt ist. Denn nun ist es dem bösen Geiste eigen, zu beißen, traurig zu stimmen und Hindernisse zu legen, indem er mit falschen Gründen beunruhigt, damit man nicht weiter vorrücke. Und dem guten Geist ist es eigen, Mut und Kraft, Tröstungen, Tränen, Einsprechungen und Ruhe zu geben, indem er alle Hindernisse leicht macht und weghebt, damit man im Tun des Guten weiter voranschreite.

Wer sein Verhältnis zu Gott in Ordnung gebracht hat, bei dem stellen sich die hellen Gefühle ein, hier seien zwei der dazu von Ignatius acht formulierten Regeln wiedergegeben:

DIE ERSTE. Es ist Gott und Seinen Engeln in ihren Anregungen eigen, wahre geistliche Freude und Fröhlichkeit zu geben und alle Trauer und Verwirrung, die der Feind herbeiführt, zu entfernen, dessen Art es ist, gegen solche geistliche Fröhlichkeit und Tröstung anzukämpfen, indem er Scheingründe, Spitzfindigkeiten und anhaltende Täuschungen beizieht.

DIE SIEBTE. Bei denen, die vom Guten zum je Bessern voranschreiten, berührt der gute Engel die Seele sanft, leicht und lind wie ein Tropfen Wassers, der in einen Schwamm eindringt. Der böse dagegen berührt sie spitz und scharf und mit Gedröhn und Unruhe, wie wenn der Tropfen Wassers auf einen Stein fällt. Jene, die vom Schlechten ins je Schlechtere voranschreiten, werden von den besagten Geistern in entgegen gesetzter Weise berührt. Die Ursache davon ist, dass die Disposition der Seele diesen Engeln entweder entgegengesetzt oder gleich ist. Denn ist sie entgegengesetzt, so treten sie mit Geräusch und Sensation und Fühlbarkeit ein; ist sie gleich, so tritt der Geist schweigend ein wie in sein eigenes Haus bei offener Tür.

Es gibt in beiden Grundpositionen ähnliche Gefühle, sie haben jeweils einen anderen Hinweischarakter. Die religiöse Entwicklung soll auf die hellen Gefühle, eine lebensfreundliche Grundstimmung hinauslaufen:

Der Geist Gottes ist sanft

Die Phase der Reinigung ist durch heftigere innere Bewegungen gekennzeichnet, weil der Geist der Sünde sich durch die Begegnung mit der Bibel herausgefordert fühlt. Heftige innere Widerstände ringen mit der Perspektive eines anderen Lebensentwurfes. Wer im Ausgleich mit Gott lebt, erfährt seinen Geist als eine sanfte Bewegung. So wird es bereits im Alten Testament für die Gottesbegegnung des Elias geschildert. Auf einem Berg will sich Gott ihm zeigen. Zuerst kommen Donner und Sturm. Es heißt ausdrücklich, dass Gott nicht im Sturm und im Donner war, wo ihn die frühen religiösen Erfahrungen zu finden meinten, sondern Gott geht in einem sanften Wind an Elias vorbei. Früh schon finden sich die Empfindungen, die vom Geist Gottes in der Seele ausgelöst werden, im Brief des Apostels Paulus an die Galater im 5. Kapitel.

"Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung; dem allem widerspricht das Gesetz nicht."

Vorher hat der Apostel die entgegengesetzten Gefühlsqualitäten als vom „Fleisch“ verursacht dargestellt. Fleisch meint hier nicht Leiblichkeit, sondern dass die Antriebe nicht vom Geist Gottes kommen:
"Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage und Ähnliches mehr. Ich wiederhole, was ich euch schon früher gesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben."

Freude als die vom Geist geschenkte Grundstimmung

Das Erstaunliche an der Gefühlslehre des Christentums ist die Grundstimmung der Freude als Zeichen für die Erlösung, trotz des schmählichen Todes Jesu am Kreuz und der vielen Widerstände und Verfolgungen, mit denen die junge Jesusgemeinde konfrontiert wurde. Freude bringt die Frohe Botschaft. Diesen Titel haben die Christen den vier kurzen Jesusbiografien gegeben. In der Sprache des Ignatius werden sie mit Trost und Trostlosigkeit bezeichnet. 

Links:
Quellen Texte, übersetzt von Peter Knauer  
Trost und Trostlosigkeit

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ