Ordensregel, ev.

Evangelische Kommunitäten entdecken das ordensleben neu. Was für katholische Orden schon eine längere Tradition hat, entdecken die meist nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Kommunitäten neu. Es braucht eine Ordnung für das Zusammenleben. 

Die während und nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen evangelischen Kommunitäten und Bruderschaften taten sich anfangs sehr schwer mit dem Begriff „Regel“, wie sie sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – auch nicht gerne „Orden“ nannten. Hier hat sich wahrscheinlich immer noch der protestantische antikatholische Affekt ausgewirkt, der allerdings in den letzten Jahrzehnten so gut wie verschwunden ist.

Eine Bemerkung aus der Christusbruderschaft von 1979 mag hier typisch sein: „Wir haben keine geschriebenen Gesetze  oder Regeln, unsere Verbindlichkeit ist die Liebe Jesu, der uns gerufen hat.“ Ganz ähnlich hieß es in den Anfangsjahren der Jesus-Bruderschaft Gnaden­thal „Wir möchten das Neue Testament – besonders die Bergpredigt – verbindlich leben, wie es der Herr Jesus befohlen hat.“ Dass eine Regel nicht in Konkurrenz zum Evangelium tritt, sondern das Leben nach dem Evangelium in einer konkreten Lebensform zugänglich und umsetzbar machen will, diese Erkenntnis hat sich bei den evangelischen Kommunitäten erst nach und nach eingestellt.

Inzwischen sind vielerorts Regeln oder regelähnliche Leitbilder, Ordnungen und Konstitutionen entstanden. Als erste hat sich die Communität Casteller Ring auf dem Schwanberg bei Würzburg eine Ordnung gegeben; wahrscheinlich waren dort aufgrund der besonderen Nähe zu den Benediktinern von Münsterschwarzach die Berührungsängste mit „Regel“ von Anfang an nicht sehr groß. Die Evangelische Marienschwesternschaft in Darmstadt-Eberstadt hat 1963 eine Regel geschrieben, während die Christusbruderschaft Selbitz erst 1999 diesen Schritt tat. Für den evangelischen Geist dieser Ordnung spricht folgendes Zitat: „Maßstab für alle Lebensordnungen der Communität ist das Evangelium. Es ist die Regel“ – aber dieser Satz steht eben in einer Regel. Ähnlich, aber durch einen wichtigen Aspekt ergänzt, heißt es bei den Christusträger-Brüdern in Triefenstein und Ralligen: „Diese Regel ist das Ergebnis unseres bisherigen gemeinsamen Lebens. Sie wird durch unser Leben mit dem Evangelium weitergeschrieben werden.“ Das bedeutet, dass neben dem Evangelium die konkrete Lebenserfahrung an der Regel mitschreibt. Die Regel entsteht also nicht abstrakt, sondern durch das Leben. Vermutlich war es am Anfang bei Benedikt von Nursia genauso.

Autor: Br. Franziskus Joest, Jesusbruderschaft