Kommunitäten, ev.

„Kommunitäten“ werden in der evangelischen Welt die Ordensgemeinschaften bezeichnet. Im katholischen Sprachgebrauch ist mit Kommunität oder Konvent, von convenire-zusammenkommen, die örtliche Gemeinschaft gemeint. Kommunitäten im Sprachgebrauch der evangelischen Orden sind die größeren Gemeinschaften selbst, die oft mehrere Häuser umfassen. Dass es sie in den Kirchen der Reformation Ordens-Kommunitäten überhaupt gibt, ist eine Entwicklung der letzten 70 Jahre und ihrer Vorgeschichte. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts galt in den evangelischen Kirchen der Grundsatz, dass es geistliches Leben nur als Teilnahme am Leben der Parochie, der Ortsgemeinde geben kann. Eine gewisse Ausnahme bildeten die Diakonissenhäuser, doch diese hatten eine klare caritative Aufgabenstellung: Eine Berufung zum Dienen war mit der protestantischen, auf das Ethische ausgerichteten Spiritualität durchaus vereinbar. Aber von mehreren Christen gemeinsam eingeübte Frömmigkeitsformen jenseits der Grenzen einer Parochie oder eine Berufung zum gemeinsamen Leben, gar zur Ehelosigkeit, schien undenkbar. Transparochial strukturiertes geistliches Leben musste in mehreren Schritten mühsam gewonnen werden. In der Rückschau lassen sich drei Wellen der Entstehung solchen Lebens unterscheiden.

Entstehung von Bruder- und Schwesternschaften

Die erste Welle steht in engem Zusammenhang mit der Jugend- und Wandervogelbewegung  vor und vor allem nach dem Ersten Weltkrieg. Die Suche nach Ursprünglichkeit und Echtheit, die junge Leute dazu brachte, in Scharen aus den einengenden Konventionen ihrer Zeit auszubrechen, war letztlich eine Suche nach sich selbst. Es war die Sehn­sucht nach wahrhaftiger Lebensgestaltung, nach echter Gemeinschaft und nach unverstellter Erfahrung des Lebens in der freien Natur. Auch junge Christen sehnten sich nach authentischer Glaubenserfahrung und echter Glaubensgemeinschaft außerhalb der – so meinten sie – verstaubten und verknöcherten kirch­lichen Konventionen.

Das brachte neben anderem auch verbindliche Zusammenschlüsse hervor, jedoch ohne Zölibat und gemeinsames Leben, ohne vita communis, Leben in gemeisnchaft. Ihre Mitglieder blieben an ihrem Ort in Familie und Gesellschaft, stellten sich aber häufig unter eine gemeinsame geistliche Lebensregel und gewisse Verpflichtungen wie z.B. tägliche Bibellektüre und Fürbitte füreinander, persönliches Gebetsleben, Beteiligung am Leben der Ortsge­meinde, Inanspruchnahme geistlicher Begleitung, Teilnahme an jährlichen Konventen. Die bekannteste unter diesen Gemeinschaften ist die Evangelische Michaelsbruderschaft, die 1931 in Marburg gegründet wurde.

Entstehung evangelischer „Orden“ und Kommunitäten

Die Erfahrung, dass der Nationalsozialismus es verstanden hatte, die Jugendbewegungen größtenteils gleichzuschalten und seinen ideologischen Zielen zu unterwerfen, hat bei vielen Christen die Einsicht ausgelöst, sich mit letztem Ernst um Christus zu scharen und für ihn einzustehen. Das Auftreten der Deutschen Christen hatte überdies gezeigt, dass ein „normales“ Gemeindeleben dem Ruf Christi in seine Nachfolge häufig nicht gerecht werden kann. Dietrich Bonhoeffers Bücher: „Nachfolge“ und: „Gemeinsames Leben“ oder das Buch von Wilhelm Stählin: „Bruderschaft“ hatten hier Signalwirkung. Jetzt entstanden evangelische Gemeinschaften mit vita communis und bewusst gelebter Ehelosigkeit als Antwort auf die Herausforderungen der Zeit. Die jungen Christen, die darauf eingingen, erfuhren es zugleich als einen Ruf Christi mit hoher Dringlichkeit.

Um uns die Kraft dieses Aufbruchs zu verdeutlichen, seien die damals entstandenen ordensähnlichen Kommunitäten in der Reihenfolge ihrer Gründung aufgelistet:
Evangelische Marienschwesternschaft, 1947,
Communauté de Taizé, 1949
Christusbruderschaft, 1949, heute „Communität Christusbruderschaft“.
Communität Casteller Ring 1950,
Kommunität Imshausen 1955,  
St.-Johannis-Kon­vent vom gemeinsamen Leben 1955,
Cella St. Hil­degard des Ordo Pacis, 1956,
Christusträger Brüder und Schwestern, 1960,
Jesus-Bruderschaft, 1961/64/68,
Kommunität Adelshofen 1962,
Gethsemanekreis 1962/75/79, seit 1992 als Evangelisches Gethsemanekloster in Riechenberg bei Goslar.

Familien- und gemischte Gemeinschaften

1968 war nicht nur für Politik und Öffentlichkeit, sondern auch für die Kommunitäten ein „Schwellenjahr“. Es herrschte Aufbruchstimmung unter jungen Menschen. Die Jesus-Peo­ple machten von sich reden, ein neuer Musikstil kam auf und damit eine neue Art zu beten und Gottesdienst zu feiern. Es wurde mit gemeinsamem Leben in Form der Kommunen experimentiert. Junge Paare brachen aus den vorgeschrieben traditionellen Bahnen aus und verweigerten den Aufbau einer „normalen“ Existenz. Die Revolution der „Achtundsechziger“ ergriff eine ganze Generation, durchbrach die gewohnten Bahnen gesellschaftlichen Lebens und stellte viele bisher unangefochten geltende Maßstäbe auf den Kopf.

Auch junge Christen wurden davon erfasst, die auf der Suche nach radikaler Nachfolge Christi waren. Das Wort „bürgerlich“ war, ob zu Recht oder Unrecht, Inbegriff des „Etablierten“, des Gesetzten, des Halbherzigen, dessen, was man unter keinen Umständen wollte. Dass Familien bei der Je­sus-Bruderschaft gerade jetzt den Schritt in das Experiment radikalen gemeinsamen Lebens machten, wurde durch diese geistige Atmosphäre begünstigt. Aber nicht nur das: 1968 wurde die „Offensive Junger Christen“ in Bensheim, heute Reichelsheim im Odenwald, gegründet. Der Mannheimer CVJM-Sekretär Horst-Klaus Hofmann nahm die Parolen der Studenten auf und proklamierte die „Revolution“, die durch den Glauben an Jesus Christus im Herzen der Menschen geschieht und dann zum Aufbau einer gerechteren Welt führt, jedenfalls zeichenhaft. In demselben Jahr entstand das „Oekumenische Lebenszentrum Ottmaring“, das von verheirateten und zölibatären Geschwistern der evangelischen Kreuzbruderschaft, der Körperschaft vom gemeinsame Leben und der katholischen Bewegung der Fokolare gemeinsam belebt und gestaltet wird. – Ebenfalls in demselben Jahr wurde das „Lebenszentrum für die Einheit der Christen“ auf Schloss Craheim gegründet, das von Pfr. Arnold Bittlinger (ev.), P. Eugen Mederlet OFM (kath.) und W. Becker (freikirchl.) getragen wurde. Bezeichnend für den hier entstehenden neuen Phänotyp ist die Tatsache, dass die Hausmannschaft von Craheim aus Fa­milien, Ordensleuten und einer kleinen Schwesterngemeinschaft bestand. In rascher Folge entstanden nun ähnliche größere oder kleinere Wohngruppen und geistliche Gemeinschaften:

Communität Simonshofen, 1970,
Communio Christi 1972,
Christliche Wohngemeinschaft Küppershof, 1972–1984,
Basisgemeinde Wulfshagener Hütten, 1973,
Communität der Koinonia 1962/76,
Communität Lindenhof 1979,
Familiengemeinschaft der Kommunität Adelshofen,1980,
Christus-Treff mit Jesus-Gemeinschaft in Marburg, 1981/83,
Communitas ex Christo, 1988,
Familienkommunität „Siloah“ in Neufrankenroda, 1990,
Em­maus-Lebensgemeinschaft Hersbruck, 1992–2016,
Nehemiahof in Ludwigsfelde (1999) und viele andere mehr. Einige dieser Gruppen existieren nicht mehr, die Fluktuation ist hier größer.

Es wurde am Anfang schon angedeutet: Das Wort „Kommunität“ leitet sich von dem lateinischen vita communis ab, was „gemeinsames Leben“ bedeutet. Insofern wird es nicht nur auf die zölibatären Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen angewendet, sondern auch auf die, welche der dritten Welle zuzurechnen sind, weil auch sie durch das gemeinsame Leben charakterisiert sind. Die Gemeinsamkeit umfasst aber nicht nur das gemeinsame Gebet, den gemeinsamen Tisch, eine, nicht in jedem Fall, gemeinsame Kleidung, sie umfasst auch häufig die Gemeinschaft der Geschlechter, der Generationen, der Stände. In vielen Fällen ist die Zusammensetzung der Mitglieder gemischt-konfessionell, was eine Gemeinschaft der besonderen Art bedeutet. So gut wie alle evangelischen Kommunitäten sind ökumenisch vernetzt, lokal wie überregional. Untereinander sind sie verbunden durch die Konferenz evangelischer Kommunitäten (KevK) und das Treffen geistlicher Gemeinschaften (TGG).

 Br. Franziskus Joest, Gnadenthal 

Autor: Br. Franziskus Joest, Jesusbruderschaft