Jesuiten

Jesuiten nennen sich nicht nach ihrem Ordensgründer Ignatius v. Loyola, sondern verstehen sich als Gefährten Jesu. Societas Jesu , S.J. ist ihr Ordenskürzel, übersetzt „Gesellschaft Jesu“. Sie verkünden Gott als den, der immer größer ist als was wir von ihm denken und sagen. Gott ist barmherzig, er hat die ins Unglück verstrickte Menschheit nicht alleine gelassen. Die Jesuiten sehen sich als Mitstreiter Jesu, die an seiner Sendung zur Erlösung der Menschen teilhaben. Sie sind mit ihm auf allen Kontinenten unterwegs. Die Gegenwart Jesu wird als Bewegung im Heiligen Geist erlebt.

Unterscheidung und Exerzitien

Die zentrale spirituelle Praxis ist "Unterscheidung", die verschiedenen Strömungen und Impulse im eigenen Inneren und die von außen kommenden daraufhin prüfen, ob sie den Geist Jesu atmen. Das geschieht im Tagesrückblick, möglichst am Mittag und dann am Abend. Das Gebet der Liebenden Aufmerksamkeit, beim Ordensgründers "Examen Conscientiae", Gewissenserforschung genannt, soll etwa 15 Minuten in Anspruch nehmen. Es beinhaltert den Dank für alles, was gut und gelungen war, blickt auf das Fehlverhalten und spürt den Gefühlen nach, die das Erleben des Tages bestimmt haben. Eingeübt wird dieses ständige Herausspüren und Abwägen in den Exerzitien, indem nach jeder Meditation in einer Reflexion auf den inneren Vorgang Rückschau gehalten wird. Es geht primär um die Empfindungen, erst danach um die rationale Abwägung. Das Denken und Fühlen Jesu wird durch die Meditation von einzelnen Abschnitten der Evangelien aufgenommen.

Den Menschen helfen

Diese Praxis der Unterscheidung ist der Dienst des einzelnen Jesuiten in der Begleitung von Exerzitanten, in der langfristig angelegten geistlichen Begleitung einzelner, im Beichtstuhl und in anderen Beratungsprozessen. Hinzu kommt eine anspruchsvolle Ausbildung mit besonderer Betonung der Philosophie. Ordensstudenten, die eine entsprechende Begabung zeigen, werden in eine wissenschaftliche Laufbahn geschickt. Mit seinen Hochschulen und Gymnasien bietet der Orden diesen Begabungen ein großes Einsatzfeld. Die Päpste fordern diese Anstrengungen vom Orden ein, indem sie ihn mit der Einrichtung von Instituten und der Durchführung von Projekten betrauen. Dazu hat sich der Orden in einem speziellen Papstgelübde verpflichtet. Die Aufträge des Papstes gehen selten direkt an einen einzelnen Spezialisten im Orden, sondern an den Ordensgeneral, der direkt neben dem Petersplatz seinen Sitz hat.

Neben der Unterscheidung, den Exerzitien, der geistlichen Begleitung und der Wissenschaft hat der Orden sich selbst die Aufgabe gestellt, die Glaubensverkündigung mit der Sozialen Frage zu verknüpfen. „Glaube und Gerechtigkeit“ hat nicht zuletzt die Schul- und Hochschulpolitik des Ordens stark verändert. War es von der Gründungszeit her die Aufgabe, die künftigen Eliten, in Europa Adelige, in Lateinamerika die Kinder der Landbesitzer, im Geist des Evangeliums zu formen, waren bereits die eingewanderten Katholiken in den  USA einfachen Leute aus Irland, den verschiedenen europäischen Ländern und nicht der Oberschicht zugehörig. Auch die Missionsstationen zogen eher die ärmeren Bevölkerungsgruppen an, so die Dalit in Indien. Inzwischen kommt die Bildungs-Kompetenz des Ordens ärmeren Bevölkerungsschichten zugute. So haben die deutschsprachigen Jesuiten im Kosovo ein Gymnasium aufgebaut und kümmern sich um die Straßenkinder in Bukarest. In vielen Regionen ist ein Jesuiten-Flüchtlingsdienst tätig.

Keine Fixierung auf Grenzen

Jesuiten sind auf der ganzen Welt unterwegs. Schon die Gründergeneration folgte den portugiesischen Kaufleuten, die bis nach Indien und Japan gelangt waren. Bereits im 17. Jahrhundert gab es eine Chinamission. Die astronomisch geschulten Ordensmänner waren durch Fernrohre und bessere mathematische Verfahren den Kaisern für die Beobachtung der Himmelsbewegungen willkommene Berater, denn Politik wurde in China nicht ohne Beobachtung der Sternenbahnen betrieben. Inzwischen findet der Orden in Afrika die meisten jungen Leute, die Mitglied werden wollen.

Disponibel für Aufträge und Aufgaben

Die Gründergeneration verstand sich als eine Gruppe von Priestern, die bestimmten Aufträge übernehmen, die sie besonders vom Papst erwarteten. Nachdem sich die Gruppe, die in Paris in einem Theologenkolleg auf Initiative des Basken Ignatius zusammengefunden hatte und nach dem Erlangen akademischer Grade nach Rom gegangen war, für einen dauerhaften Zusammenschluss entschieden hatte, wollte man die Zustimmung des Papstes zu diesem Projekt. Als diese dann 1540 von Paul III. gegeben war, sande er gleich Zwei, Diego Lainez und Alfonso Salmerón als seine Delegaten zum Konzil von Trient und den spanier Franz Xaver nach Indien. Der Savoyade Peter Faber wirkte in Deutschland und den Niederlanden.  

Bildungsinitiative

Ignatius erkannte jedoch bald, dass für eine Erneuerung der durch die Reformation erschütterten Kirche Bildung der entscheidende Faktor sein musste. 1547 ergab sich in Messina eine erste Möglichkeit, eine Schule zu gründen. Wegen ihrer effektiven Lehrmethoden, die sie in Paris, dem damaligen Harvard, kennen gelernt hatten, wurden sie von Städten und Fürsten für den Betrieb einer Schule engagiert. Größere Schulen hatten dann auch einen Hochschulzweig. In Deutschland konnte man bis zu 80 solcher größeren und auch kleinen Schulen zählen. Diese Bildungsinitiative trug wesentlich zur Erneuerung der katholischen Kirche bei. Die Jesuiten waren in der Priesterausbildung tätig, die das Konzil von Trient neu geordnet und mit einem verbindlichen Fächerkanon ausgestattet hatte.

Leitungsprinzipien

Die Jesuiten haben aus der Begleitung der Exerzitien auch ihre Führungskultur entwickelt. Sie wurde von Ordensgründer eingeführt und erweist sich auch heute als besonders tragfähig. Aufgabe der Leitungspersonen ist es, die Berufung des einzelnen Mitglieds im Blick zu haben, ihre Entfaltung zu unterstützen und für eine optimale Ausbildung zu sorgen. Die Berufung des einzelnen wird eingebunden in die Projekte des Ordens wie in neue Herausforderungen, die die Zeit stellt. So führte die Situation der vietnamesischen Boat-People 1980 zur Gründung des Jesuit Refugee Services durch den damaligen Generaloberen Pedro Arrupe. Seitdem sind Jesuiten bei den immer neuen Flüchtlingswellen sozial tätig und versuchen auch, die Flüchtlingspolitik ihrer Länder zu beeinflussen. Von einzelnen Jesuiten werden immer wieder Initiativen und Einrichtungen gegründet. Um diese Initiativen zusammenzuhalten und mehr zu verankern, musste der Orden keine besonderen Strukturen einrichten, sondern setzt auf das jährliche Gespräch zwischen dem für eine Ordensprovinz Verantwortlichem und einer ständige Kommunikation per Brief und inzwischen per Mail. Vom Ordensgründer wurden immer wieder Berichte in Briefform angefordert, aus denen sich organisch die Missionszeitschriften entwickelten. Auch hat jeder Jesuit Zugang zum Ordensgeneral, der jährlich über die Werke einen Bericht erhält. „Werke“ nennen die Jesuiten die Schulen, Universitäten, Exerzitienhäuser u.a. Einrichtungen. Neben den Exerzitien, der Wertschätzung der Berufung wie der Begabungen der Mitglieder ist diese, auf den persönlichen Kontakt setzende Führungsstruktur die Voraussetzung, dass der Orden auf neue Herausforderungen reagieren kann. Die Leitung kennt die Kompetenzen der Mitglieder, die Mitglieder haben mit ihren Ideen direkten Zugang zu den Leitungspersonen.

Jesuiten in der Mission

Von der Ordensgründung angefangen sind Jesuiten in der Mission engagiert. Mission hieß und heißt konkret, eine Schule einzurichten, sich in Kooperation, oft mit einem Schwesternorden, um die gesundheitliche Versorgung der Menschen zu kümmern und die sozialen Fragen aufzugreifen. In den meisten Missionsgebieten, die den europäischen und US-amerikanische Ordensleuten übertragen wurden, sind inzwischen Diözesen errichtet und mit einheimischen Bischöfen besetzt. Die Jesuiten widmen sich daher den Aufgaben, für die sie besonders qualifiziert sind und die bisher nicht von anderen aufgegriffen wurden. Von weiterhin großer Bedeutung sind die Fundraisingagenturen, Missionsprokuren genannt, die die von Jesuiten betriebenen Einrichtungen finanziell unterstützen.

Finanzierung durch Funding

Wie die Kirche weltweit finanzieren sich auch die Einrichtungen des Ordens auf Spendenbasis. Für Hochschulen und Gymnasien muss eine langfristige Finanzierung gesichert werden, d.h. es muss Fonds geben. Jede Provinz hat solche Fonds jeweils für die Ausbildung, die Altersversorgung und für Projekte ihrer Mitglieder. Jesuiten, die in Deutschland im Auftrag von Diözesen tätig sind, werden dann wie Diözesanpriester besoldet. Das gilt für Pfarreien, diözesane  Exerzitienhäuser,  Stellen für die Glaubensinformation, Jugend- oder Studentenseelsorge. Dieses Geld wird nicht an den einzelnen ausbezahlt, sondern als "Gestellungsgeld" auf das Konto der Ordensprovinz überwiesen. Da alle sozusagen aus einem Topf leben, kann eine Kommunität mit solchen Gestellungsgeldern gut überleben und ältere Mitbrüder mit tragen.

Krisen:

Auflösung des Ordens 1773

Gegen Ende des Barockzeitalters war der Jesuitenorden den Regierungen in Portugal, Spanien und Frankreich zu einflussreich geworden. Sie wurden in diesen Ländern verboten. Aus den Siedlungen, die die Jesuiten für hunderttausende Indios  gegründet hatten, um sie vor der Ausbeutung zu schützen, wurden sie ausgewiesen, so 1767 aus den zur spanischen Krone gehörenden Reduktionen. Reduktion leitet sich vom spanischen Wort „reducción“ für Siedlung her. Ein neue Papst, Clemens XIV. war auf Druck Portugals, Spaniens und Frankreichs nur unter der Bedingung gewählt worden, dass er den Orden auflöste. 1773 erließ er ein entsprechendes Dekret. Da in den einzelnen Ländern die Umsetzung des Dekrets von der Veröffentlichung durch den jeweiligen Herzog oder König abhing, konnte die Jesuiten in Russland weiter bestehen, weil Katharina d.Gr., wie vorher Friedrich d. Gr., die Veröffentlichung verweigerten. Die Motive für die Gegner war einmal der kulturelle Einfluss des Ordens. Das beginnende Zeitalter der Aufklärung wollte den kirchlichen Einfluss zurückdrängen und das Papsttum, dessen stärkste Stütze der Orden war, schwächen. Hinzu kamen neue Bildungsinitiativen, die die Jesuiten nicht übernahmen. Schließlich gab es auch innerhalb der katholischen Kirche eine Gegnerschaft, die von der strengen Richtung des Jansenismus getragen wurde. Für diese waren die von den Jesuiten vertretenen moralischen und theologischen Positionen zu lax. 1814 wurde der Orden von Pius VII. wieder errichtet.


In Deutschland dürfte der sexuelle Missbrauch Minderjähriger durch Mitglieder des Ordens die größte Krise darstellen. Der Missbrauch wurde 2010 durch Betroffene öffentlich gemacht, das Fehlverhalten und die Vertuschung lagen meist Jahrzehnte zurück. Die aktive Informationspolitik und das Ernstnehmen der Opfer wurden als angemessene Reaktion gewertet. Inzwischen hat die katholische Kirche den Schutz der Opfer Priorität gegeben und Beauftragte ernannt, an die sich Opfer wenden können. Der Orden hat eigne Ansprechpartner benannt, die nicht Mitglieder des Ordens sind.

Mitgliedschaft im Orden

Die Kompetenzen „Unterscheidung“, Exerzitien, gründliche Ausbildung kommen zuerst dem eigenen Nachwuchs zugute. Die Jesuiten haben weltweit Ansprechpartner, die mit Interessenten klären, welchen Lebensauftrag der einzelne hat und ob dieser Auftrag, diese Berufung sie in den Orden führt. In einem zweijährigen Noviziat werden die Grundlagen gelegt. Neben dem Philosophie- und Theologiestudium werden einzelnen Spezialstudien ermöglicht. In die Ausbildungszeit gehört ein meist zweijähriger Einsatz in der Jugendarbeit, um neben der intellektuellen Schulung auch das Moment der Seelsorge zum Tragen kommen zu lassen.

Wie bei fast allen Orden verlagert sich das Schwergewicht wegen der geringen Nachwuchszahlen weg von Europa und den USA nach Asien, Afrika und Lateinamerika. Hatte der Orden 1966 noch 36.000 Mitglieder, vor allem in Europa und den USA, waren es 2016 nur noch 16.000.

Trotz der zurückgehenden Zahlen fühlen sich die Jesuiten nicht auf einem abstrebenden Ast verbannt. Der im Inneren verspürte Ruf, sich für das Ordensleben zu entscheiden, erreicht auch heute Menschen unmittelbar. Was von den Orden „Berufungen“ genannt wird, dass junge Menschen sich zum Ordensleben hingezogen fühlen, greifen die Jesuiten auf, bieten Gespräche, Wochenende und Exerzitien an. Ziel ist es zuerst, dass jemand über seinen Lebensauftrag, seine „Berufung“ Klarheit gewinnt. Wenn diese auf die Mitgliedschaft hinausläuft, ist der nächste Schritt die Aufnahme in das Noviziat. Die Entscheidung für diesen Weg fällt nicht mehr wie früher, schon nach dem Abitur. Oft haben diejenigen, die das Noviziat beginnen, ein Studium abgeschlossen.  

 

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ