Franziskaner

Aus der Begegnung die Inspiration schöpfen. Und dann noch den Sinn für das eigene Leben erspüren. Das gelang Francesco Bernardone nicht in der Oberstadt von Assisi. Dort hatte er alles: Geld, einen Freundeskreis, Attraktivität und Beliebtheit. Er bewies den anderen in einem Krieg gegen Perugia, dass er auch kämpfen konnte - aber nicht siegen. Nach einem Jahr Kerkerhaft kam er körperlich gebrochen und ohne Perspektive zurück. Die Vorstellung als Nachfolger seines Vaters, des reichen Tuchhändlers, ein luxuriöses Leben zu führen, war auf dem Feld geblieben, wo junge Männer zu militärischen Ehren kommen wollten.

Gott unten finden
Einen Sinn für das eigene Leben finden, die Frage ist heute so aktuell wie damals. In jeder Generation treibt es junge Menschen oft weit in die Welt hinaus. Weil der Kaufmannssohn diesen Sinn in den Häusern der Reichen nicht mehr finden konnte, stieg er in die Ebene unterhalb von Assisi hinab, wo die Tagelöhner, die Diebe und die Aussätzigen lebten. In der Begegnung mit denen, um die er bisher einen Bogen gemacht hatte, fand er diesen Sinn. Franziskus‘ Umarmung eines Aussätzigen hat sich als Motiv in das abendländische Gedächtnis eingeprägt.

Gott "unten" finden heißt dann auch, nicht bestimmend auftreten, sich unter den anderen stellen und dem Menschen dienen. Franziskus, der 1219 den Sultan aufsuchte, hat denjenigen Brüdern, die „unter den Sarazenen“ leben wollten, den Dienst an den Muslimen ans Herz gelegt.

Minderbrüder
Der Dienst an den Menschen, ob sie nun Christen oder Muslime sind, schlägt sich auch im Ordenskürzel OFM nieder.  Auch wenn die Mitglieder der Orden, die sich an Franziskus orientieren, Franziskaner bzw. Franziskanerinnen genannt werden, steht die Abkürzung OFM für ordo fratrum minorum, in deutscher Übersetzung: "Minderbrüder".

Unterwegs sein hieß zur Zeit des Franziskus entweder zu Pferd oder zu Fuß aufbrechen. Da für einen Minderbruder das Pferd nicht infrage kam, lebten sie als Wanderprediger. Am Gründer können sie bis heute ablesen, wie sie die Schönheit der Schöpfung entdecken können. Mit der neuen Hinwendung zur Natur, zum Wandern, auch mit dem Fahrrad öffnet der franziskanische Zugang Vielen den Blick auf den Schöpfer.

Einsiedler
Das Unterwegssein: die Begegnungen brauchen eine innere Ressource für Aufmerksamkeit, die tiefere Schicht zu berühren, alles in Beziehung zu setzen mit dem, der die Welt geschaffen und durch die Menschwerdung seines Sohnes die Menschen zu seinen Kindern erwählt hat. Für diesen großen Zusammenhang braucht es den Rückzug. Sich aus dem Geschehen ausklinken, um nicht in ihm aufzugehen, das gehört zum franziskanischen Rhythmus. Der Gründer selbst hat in Einsiedeleien gelebt und da auch seine letzten Lebensjahre verbracht. Wüstentage, die der einzelne alleine verbringt, sind als Erbe erhalten geblieben.

Dieses Lebensmodell wirkt in jeder Generation ansteckend, auch weil es nicht eng geführt wird. Wie kaum ein anderer Ordensgründer wirkt Franziskus durch sein Leben prägend. Er hat öffentlich gewirkt, aber nicht beabsichtigt, eine feste Gemeinschaft zu gründen und ihr durch eine Regel Stabilität zu ermöglichen. Was als Suche eines einzelnen, dem der Sinnzusammenhang zerbrochen war, begann, das zog bald viele an. Auch wenn Franziskus keinen Orden gründen wollte, er musste sich um die kümmern, die sich ihm angeschlossen hatten. Zuerst war sein Weg auf massive Ablehnung gestoßen, denn Ordensleben war an Klöster und an im Tagesablauf festgelegte Gebetszeiten gebunden. Ein kluger Papst, Innozenz III., erkannte in einem Traum, dass diese von Franziskus gelebte Kirche Zukunft verspricht.

Begegnung mti dem Sultan
Als 1219 der Sultan den Kreuzfahrern die Verfügung über Jerusalem zugestanden hätte, wollte der päpstliche Legat alles und traute den Kreuzfahrern einen Sieg über die Araber zu. Das endete kläglich. Franziskus begegnete dem Sultan friedlich und wandte sich gegen den Krieg der Kreuzfahrer. Inzwischen sind die Päpste bei den Herausforderungen des Friedens und der Umwelt auf die Linie des Franziskus eingeschwenkt. Nicht Rom, sondern Assisi ist der Ort, wo die Religionsvertreter sich zum Friedensgebet versammeln lassen.

Ordensstrukturen und -reformen
Die wachsende Zahl derer, die das Modell des Franziskus‘ übernahmen, forderte eine gewisse Ordnung. Franziskus, der nicht strategisch organisierte, sondern sich auf seine Intuition verlassen konnte, wurde auch vom Papst dazu gedrängt, dem Orden, der im Entstehen war, eine Struktur zu geben. Da man einer Gemeinschaft, die unterwegs ist, keine solche Ordnung geben kann, wie es z.B. für Benedikt möglich war, favorisierte Franziskus in seiner Ordensregel eher eine Lebensweise auf der Grundlage des Evangeliums.

Im Laufe der Ordensgeschichte kam es immer wieder zu Reformbewegungen wegen der Frage der Armut und des Einsiedlerlebens. Im 14 Jahrhundert entwickelte sich die sogenannte Observanzbewegung, deren Vertreter eine strengere Beobachtung der Franziskus-Regel forderten und zum Teil eher das Leben als Einsiedler bevorzugten. Diese Bewegung führte 1517 zur Trennung der Franziskaner Observanten (brauner Habit) von den Franziskaner Konventualen (schwarzer Habit). 1525 wurde eine weitere Reformgruppe der Observanten päpstlich anerkannt, welche noch einmal mehr das Einsiedlerleben betonten: die Kapuziner.

Heutige Einsatzgebiete siehe folgende Literatur-Tipps:

Niklaus Kuster / Thomas Dienberg / Marianne Jungbluth (Hg.): Inspirierte Freiheit. 800 Jahre Franziskus und seine Bewegung, Freiburg (Herder) 2009, insb. S. 199-240.
Horst von der Bey / Johannes Baptist Feyer (Hg.): Die Franziskanische Bewegung Bd. 2: Weltweites Engagement heute, Mainz (Grünewald TOPOS) 1996.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ

San Damiano Kreuz, von Franziskus verehrt,
San Damiano Kreuz, von Franziskus verehrt,