Exerzitien

Im Schweigen über Tage hinweg meditiert der Exerzitant Texte der Evangelien und einige von Ignatius v. Loyola selbst entwickelten Bilder. Exerzitien heißt "Üben", in der Grundform in einem dreißigtägigen Prozess, den der einzelne mit seinem Exerzitienbegleiter durchmeditiert. Diese Großen Exerzitien macht man eigentlich nur einmal, um seinen Lebensauftrag herauszufinden. Das Zentrum der Exerzitien ist diese "Wahl", die etwa in der Mitte des gesamten Prozesses liegt. Voraus geht wie in allen religiösen Schulen eine Phase der Fundierung und der Reinigung.

Phase der Reinigung

Zuerst wird sich der einzelne über seinen Platz in der Welt und seine Beziehung zu Gott klar. Auf diesem Hintergrund kann er sein bisheriges Leben in den Blick nehmen, um seine Verfehlungen, die Sünden zu erkennen und die Neigungen wahrzunehmen, die ihn von einem auf Gott bezogenen Leben abhalten. Diese Phase der Reinigung wird mit einer Beichte abgeschlossen.

Phase der Wahl

Jetzt kann sich der einzelne offen der Frage stellen, wie er in größerer Nähe zu dem Reich Gottes seinen Lebensauftrag findet. Vorausgesetzt wird dabei, dass es für jeden Menschen einen einmaligen Auftrag gibt. Den erkennt der Exerzitant nicht so sehr kognitiv, sondern daran, wohin er sich gezogen fühlt. In mehreren Meditationen reift die Entscheidung heran. Das gilt dann nur für diejenigen, die noch nicht festgelegt sind, also vor einer Wahl stehen, wie ihr Leben weitergehen soll. Das kann sich auf die Berufsausbildung, eine Heirat, die Übernahme einer Aufgabe beziehen und nicht zuletzt darüber, ob man für ein Leben im Orden oder das Priesteramt berufen ist. Deshalb gehören bei vielen Orden Exerzitien zur Noviziatsausbildung oder in Diözesen zur Entscheidungsfindung für das Priestertum, den Diakonat oder eine seelsorgliche Aufgabe.

Phase der Konfrontation mit Widerständen

Damit die Wahl sich tiefer einwurzeln kann, wird danach der Leidensweg Jesu meditiert, denn jede Berufung muss mit Widerstand gegen den in den Meditationen erkannten Lebensauftrag rechnen. Da dieser Auftrag von Gott kommt, muss der einzelne verstehen lernen, dass Menschen ihn nicht unbedingt unterstützen, sondern ihn anderswo haben wollen oder sogar den Lebensauftrag als Bedrohung sehen, um dann alles dran zu setzen, den einzelnen von der Umsetzung des Auftrages abzuhalten.

Phase der Vollendung 

In einer vierten Phase werden die Evangelienberichte von der Auferstehung Jesu meditiert, denn die Gefährtenschaft mit Jesus führt in ein neues Leben, die Anschauung Gottes.

 

Die Methodik der Exerzitien:

1. Unterscheidung der Geister

Der "Ingenieur" dieses vierteiligen Prozesses, Ignatius v. Loyola, hat aus der eigenen Bekehrungsgeschichte bereits erkannt, auf was es ankommt, wenn man vor einer Wahl steht. Er selbst wurde auf Gefühlsregungen aufmerksam, als er eine Kriegsverletzung ausheilen musste. Seine Schwägerin, die Frau seines ältesten Bruders, hatte nicht die damalige Unterhaltungsliteratur, Ritterromane auf dem Stammsitz der Loyola zur Hand, sondern ein Heiligenbuch und eine Zusammenstellung der Evangelien. Ignatius bemerkte, dass die Lektüre der anspruchsvolleren religiösen Literatur ein viel besseres Gefühl zurückließ als die Fecht- und Liebesromane. Deshalb lenkt er in den Exerzitien jeweils nach einer Meditation den Blick auf den Prozess und vor allem auf die Befindlichkeiten. In seiner jahrelangen Begleitung von Exerzitanten hat er dann Regeln herausgefunden, wie Gefühle und Befindlichkeiten eingeordnet werden können. Er nennt diese "Regeln zur Unterscheidung der Geister".

Der Fokussierung auf die inneren Vorgänge dient am Ende des Tages jeweils eine Meditation zur "Anwendung der Sinne", mit der sich der einzelne in die Situation versetzt, um z.B. den Geruch im Stall von Bethlehem wahrzunehmen, sich unter die Hirten oder die Zuhörer Jesu gesellt.

2. Meditation - Wiederholungsbetrachtung

Das Medium zur Klärung der inneren Bewegungen sind Meditationen von Bibeltexten, vorrangig zum Leben Jesu. Das hat Ignatius aus der spirituellen Tradition übernommen. Es geht darum, die Haltungen, die Worte und Handlungen Jesu auf sich wirken zu lassen, abwehrende und negative Gefühlsreaktionen zuzulassen, damit unterschiedliche Regungen aufeinandertreffen, um so Bewegung im Inneren des Übenden auszulösen. Ein völlig ruhiges Durchgleiten durch den Exerzitienprozess ist also nicht vorgesehen, sondern soll erst am Ende stehen.

Um die Haltungen Jesu tiefer aufzunehmen, sieht Ignatius eine zweite und sogar dritte Meditation zum gleichen Bibeltext vor. Das wurde kaum praktiziert, hat aber durch die Wiederentdeckung der Einzelexerzitien wieder Eingang in die Exerzitienpraxis gefunden.

3. Einzelexerzitien - der Prozess wird auf den einzelnen
    abgestimmt

„Exerzitien“ klingt wie Übungen in einem sportlichen Training. Alle machen die gleichen Übungen, hier Meditationen nach Vorgabe des Exerzitienmeisters. Historische Forschungen zeigten, dass Exerzitien bei Ignatius immer auf den Einzelnen abgestimmt waren. Die Prozesschritte Fundierung-Reinigung, Vorbereitung auf eine Entscheidung, sich Einstimmen auf Widerstände und Nachteile, Ausblick auf die endgültige Erlösung verlaufen bei jedem anders. In Einzelexerzitien, auch wenn man sie mit anderen macht, verläuft der innere Weg der einzelnen jeweils anders. Das tägliche Gespräch mit dem Begleiter bzw. der Begleiterin klärt den inneren Weg und überlässt es dem Einfühlungsvermögen der Begleitung, welcher Bibeltext als nächster, auch zweimal, meditiert wird. Die vier Phasen haben dann für den einzelnen die Länge, die er, die sie brauchen.

4. Zwiesprache mit Jesus und dem Vater

Ignatius lenkt die einzelne Meditation auf ein Zwiegespräch hin, meist mit Jesus, ob Jesus als den Lehrenden, aber auch als den, der verhört, gegeißelt, gekreuzigt wird. Diese Zwiesprache mit Jesus findet sich in der Passionsmusik von Bach wie auch im Weihnachtsoratorium, wo Bach Liedtexte u.a. von Paul Gerhardt aufnimmt.

Exerzitien sind insofern Übungen, als Ignatius Regeln herausgefunden hat, die den Prozess intensivieren, die Meditationen strukturieren, die Auswertung fruchtbar machen, eine Abfolge der Phasen festlegen. Anders als logische und Diskussionsregeln wird nicht der Verstand "trainiert", sondern die innere Wahrnehmung. Die Bezugsperson ist auch nicht der Trainer, also der Exerzitienmeister, sondern Jesus im Milieu seines Geistes.

 

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ