Wöchentlicher Stadiongang

Die wirklich Frommen gehen sonntags in die Kirche, die richtigen Fans samstags oder sonntags ins Stadion. Die Lauen wollen zwar, daß ihre Stadtmannschaft oder die, deren Anhänger sie sind, gewinnt, aber sie tun zu wenig dafür. Ähnlich die Christen, die von ihrer Kirche mehr Engagement fordern, sich selbst aber distanziert verhalten. Ins Stadion gehen, das heißt Emotion und nicht selten Schmerz. Der treue Fan erlebt die Höhen und Tiefen seiner Mannschaft, wie auch ein Gläubiger die Höhen und Tiefen seiner Kirche mit erleidet. Der Fan hat einfach einen stärkeren Glauben, er hält zur Mannschaft, auch wenn diese absteigt.

Wie der sonntägliche Kirchgang hat der Besuch des Stadions eine emotional reinigende Wirkung. In der Kirche wird über Sünde und Vergebung, über Tod und Auferstehung gehandelt, im Stadion geht es um Jubel und Enttäuschung, um Hoffnung und das Gericht, das in jeder Niederlage verhängt wird. Wer auf dem Weg zum Finale eine Niederlage einstecken muß, ist ausgeschieden. Die Emotionen, die im Stadion freigesetzt und mit Autocorsos gefeiert werden, stoßen bei den Fußballdistanzierten auf Unverständnis. Die Fans werden von nicht wenigen verachtet. Nicht ähnlich ergeht es den Frommen, denen, die sich selbst geißeln, die religiöse Ekstasen erleben. Aber was versteht der vom Leben, der alles nur in der Distanz betrachtet und die Gefühle nicht kennt, die einen Stadionbesucher heimsuchen.

Daß der Besuch im Stadion sich von der Woche abhebt, zeigt sich auch an der Kleidung. Wie früher die Kirchgänger legt der Fan zum Stadionbesuche eine besondere Kleidung an. Er badet zwar nicht vorher, aber putzt sich doch heraus.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ