Torgefühl

Wie alle richtigen Götter bleibt der Fußballgott unsichtbar. Anders als die germanischen Gottheiten gibt er sich noch nicht einmal durch Blitz und Donner zu erkennen. Er lenkt das Spiel aus dem Geheimnisvollen heraus, indem er Torchancen eröffnet, die die Spieler dann „verwandeln“ können. (Wandlung ist in der christlichen Liturgie ein wichtiger Vorgang.) Natürlich können auch Torchancen vergeben werden, wie man auch im christlichen Verständnis eine Gnade vergeblich empfangen haben kann, wenn der Empfänger nichts aus der Gnade macht.

Er verfügt auch offensichtlich, dass ein Tor etwas Endgültiges ist. Spieler und Zuschauer erleben es unmittelbar. Wenn der Gegner das Tor geschossen hat, wird das wie eine Verurteilung empfunden. Gegen den Richterspruch gibt es keine Instanz, an die man appellieren könnte. Hat die eigene Mannschaft das Tor erzielt und hat der Schiedsrichter es anerkannt, kann niemand es mehr nehmen. Der Ball ist wie verschluckt, eigentlich müßte ein neuer Ball ins Feld geworfen werden. Symbolisch geschieht das auch, denn der Ball wird nicht vom Tor abgestoßen, sondern da Spiel beginnt neu mit dem Anstoß auf der Mittellinie. Ganz anders beim Tennis. Wenn da der Ball ins Aus geschlagen wird oder der Gegner den Ball nicht mehr erreicht, gehört er zurück ins Feld, denn beim Tennis gibt es kein Tor, in dem der Ball unwiederbringlich verschwindet.

Beim Tennis scheint auch kein Gott überraschende Chancen eröffnen. Die Spieler müssen sich ihren Vorteil herausspielen und den Ball so schlagen, dass der Gegner ihn nicht mehr erreichen kann. So gibt es auch beim Boxen keine glücklichen Gewinner und unglücklichen Verlierer, es zählt allein die Leistung, die keinen Platz für das „Quentchen“ Glück läßt.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ