Stadtgötter

In einem der großen europäischen Epen wird über den Kampf zwischen den Griechen und der Stadt Troja in der heutigen Türkei berichtet. Die Stadt hat es wirklich gegeben, der Deutsche Schliemann hat sie gefunden. In dem Kampf des griechischen Heeres gegen die Verteidiger Trojas sind Götter auf beiden Seiten vertreten. Auf griechischer Seite kämpfen Athene und Apoll, auf trojanischer Seite Aphrodite und Mars. In den vielen Schlachten springen die Götter auf den Kampfwagen des Odysseus, des Hector oder anderer und unterstützen den Helden in seinem Kampf.

Am Ende gibt es besiegte Götter, nämlich die, die auf Seiten der Trojaner kämpften, denn durch die List des auf griechischer Seite kämpfenden Odysseus wurde die Stadt von den Griechen erobert. Er hat eine großes Holzpferd gebaut, die neugierigen Trojaner holten es nichts ahnend in ihre Stadt, so daß die griechischen Kämpfer im Bauch des Pferdes die Stadtmauer passieren konnten.

Beim Fußball scheinen einige Mannschaften durchsetzungsfähigere Stadtgötter zu haben, sie siegen häufiger. Manchmal ist das auch an der Zahl der Fans abzulesen, die die Stadtgötter für die Fahrt in das fremde Stadion mobilisieren konnten. Zwar verlassen diese Mannschaften die eroberte Stadt wieder, hin und wieder richten ihre randalierenden Anhänger wie die Griechen in Troja größere Zerstörungen an. Immer lassen die Bewohner des Verlierers in großer Depression zurück.

Die Griechen erklären den Sieg der einen und die Niederlage der anderen als Entscheidung eines dunklen Schicksals, dem auch die Götter nichts entgegenzusetzen haben. Vielleicht gibt das Aufschluß über die Natur des Fußballgottes. Er steht über den Stadtgöttern, denn auch diese können letztlich nicht darüber bestimmen, ob ihre Mannschaft aus den herausgespielten Chancen Tor macht oder ob der Gegner den Ball öfters über die Torlinie bringt. Am Ende glauben wir Menschen, daß es die Überlegenheit der einen Mannschaft war, die ihr den Sieg bescherte. Aber hätte sie den geheimnisvollen Fußballgott nicht auf ihrer Seite gehabt, hätte sie nicht gewonnen, so eifrig die eigenen Stadtgötter sie auch im Kampf unterstützt hätten.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ