Propheten

Propheten sind dazu da, die Entscheide eines Gottes mitzuteilen, Unrecht im Namen Gottes anzuprangern und Berufungen z.B. für ein Königs- oder Richteramt zu überbringen. Diese Rolle hätte die Bildzeitung gerne übernommen. Sie hält sich aber mit Prophezeiungen etwas zurück, auch wenn sie voll hinter der deutschen Mannschaft steht

Auch die FIFA hat kein besonderes Wissen und erhält keine Offenbarungen über den Ausgang einzelner Spiele oder sogar des ganzen Turniers. Dafür kommt sie auch nicht infrage, denn sie hat sich zu sehr mit Geldgeschäften abgegeben, als dass sie noch eine prophetische Begabung empfangen könnte. Auch Günther Netzer und andere Kommentatoren bleiben bei der Interpretation der Spielzüge und der Leistungen der Mannschaften stehen.

So bleibt der Fußballgott im Verborgenen. Eigentlich wären die Journalisten die berufenen Propheten, aber da sie nur das Spiel kommentieren und keinen blick in die Zukunft wagen, bleiben sie am Gegenwärtigen kleben und sind so als Propheten untauglich. Wir können nur aus vergebenen bzw. verwandelten Torchancen schließen, daß eine andere Macht in den Verlauf des Turniers eingreift. Die Auswirkungen auf die Emotionen der Menschen zeigen, dass es offensichtlich um mehr geht als um Sieg und Niederlage. Der Ball, der die Torlinie passiert, setzt Glückgefühle bei den einen, große Niedergeschlagenheit bei den anderen frei. Die Fußballgottheit zeigt sich kurz, wenn sie ein to zuläßt, sie wirkt rätselhaft, wenn sie das Tor des Gegners gegenüber der Mannschaft mit den größeren Torchancen verschlossen hält. Kein Prophet ist da, der die Verteilung von Glück und nicht verwandelten Chancen erklären könnte. Nur die Fans spüren, daß eine höhere Macht wirkt.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ