Leidensmystik

Eine richtige Religion geht am Phänomen des Leidens nicht vorbei. Sie könnte von den Menschen nicht ernst genommen werden. Kein Mensch wird vom Leiden verschont. Würde eine Religion die  Frage nach dem Leid ausklammern, könnte sie von den Menschen nicht ernst genommen werden. Auch der Fußball kennt das Leiden. Die Anstrengungen des Trainings, der Einsatz bis zum Letzten im Spiel und die schmerzlichen Niederlagen sind intensive Leidenserfahrungen. Dieses Leiden ist nicht allein den Spielern auferlegt, sondern auch den Fans. Sie können ja nicht ihren Verein im Stich lassen, wenn er eine Serie von Niederlagen und sogar den Abstieg in eine niedrigere Liga hinnehmen muß. Der Schmerz, den die Fußballanhänger ertragen müssen, leitet sich aus der Logik von Sieg und Niederlage ab. Wer gewinnen will, muß mit der Niederlage rechnen, denn der Gegner will auch siegen, d.h. er muß die Niederlage der anderen Mannschaft wollen. Wie in der richtigen Religion leiden die Spieler an ihrer Unvollkommenheit und die Fans mit ihnen, aber das eigentliche Leiden ist nicht selbst verursacht, sondern durch den Gegner. Nur weil der Gegner unbedingt siegen will, muß die eigene Mannschaft mit ihren Anhängern schmerzliche Niederlagen hinnehmen. Wenn dieses Leiden mit einem Sieg belohnt wird, ist es vergessen, denn ein Sieg lohnt jede Anstrengung. Erst die Niederlagen geben dem Sieg seinen besonderen Geschmack.

Anders als im Christentum wird im Fußball das Leiden nicht überwunden. Solange die Fußball-Liturgie gefeiert wird, wird Leid erzeugt. Der Fußball verspricht daher keine endgültige Erlösung. Der Sieg hält nur über die Saisonpause hinweg, dann muß der Platz in der Liga verteidigt werden. So spiegelt der Fußball die gängigen Lebenserfahrungen. Die Menschen erfahren Glück, sie haben Erfolg, genauso müssen sie Mißerfolge einstecken und werden von Unglück heimgesucht. Einen Ausweg aus diesem Auf und Ab eröffnet der Fußball nicht.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ