Heilige Augenblicke

Wenn eine Mannschaft deutscher Meister geworden ist und auf den Stufen oder dem Balkon des Rathauses ihrer Heimatstadt vorgestellt werden, sind sie mit Insignien ausgestattet. Sie halten eine goldene Schale hoch. Schalen und Kelch werden sogar geküßt. Der Katholik traut seinen Augen nicht, kennt er doch aus seinen Gottesdiensten Schalen und Kelche, die hochgehoben werden.

Dass Pokale den Kelchen der Messfeier zum Verwechseln ähneln, deutet auf eine kultische Verwandtschaft hin. Wir stoßen nicht nur auf Gelingen, einen Sieg an, es gibt im modernen Sport auch Anklänge an die sog. Trankopfer. Sieger eines Autorennens verschütten Sekt, das kostbarste Getränk unserer Kultur, so als wollten sie die Siegesgöttin ehren.

Das Fernsehen hat ein weiteres rituelles Element geschaffen, das aus der Frömmigkeitsgeschichte bekannt ist: Den Augenblick festhalten.

Wenn ein Tor gefallen ist, wird dieser Moment wiederholt, manchmal ohne Ende. Als die Mannschaft Südkoreas bei der letzten Weltmeisterschaft durch ein Tor Portugal besiegt und den Einzug ins Achtelfinale geschafft hatte, wurde die entscheidende Torszene eine ganze Nacht lang vom koreanischen Fernsehen wiederholt. Es gibt Augenblicke, da berührt das Glück ein ganzes Volk. Einen wichtigen Augenblick, in dem Himmel und Erde sich berühren, hält in der katholischen Frömmigkeit die Monstranz mit der verwandelten weißen Brotscheibe fest. Das ist aus der mittelalterlichen Frömmigkeit entstanden. Die Menschen wollten die Hostie sehen. Das Essen der Hostie trat immer mehr zurück. Die Priester begannen, die Hostie nach den Wandlungsworten hochzuhalten, so dass die Gläubigen die Hostie sehen konnten. Da in einer großen Kirche oft mehrere Priester an den Seitenaltären Messe feierten, konnten die Menschen mehrfach diesen wichtigen Augenblick mit vollziehen. Sie wanderten dann sogar von Kirche zu Kirche, um den Augenblick der Wandlung mit zu erleben. Es war dann nur ein kleiner Schritt, den Augenblick zu verstetigen, indem die gewandelte Hostie in einem Strahlenkranz auf den Altar gestellt wurde.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ