Gerechtigkeitssinn

Der Fußball lebt davon, daß eine Mannschaft siegt und die andere verliert. Das könnte wie im Kapitalismus darauf hinauslaufen, daß der eine immer stärker und damit reicher wird und die anderen immer seltener siegen, weil der Reichere sie an die Wand drückt. Je mehr Geld in den Fußball fließt, desto deutlicher bilden sich auch in ihm die Gesetzte des Wirtschaftslebens ab. Von seinen Ursprüngen her ist der Fußball aber keine Religion, die das Geld verehrt. Er hat ein Geheimnis, an dem Sieger wie Besiegte teilnehmen. Er bringt den Ball und damit die menschliche Existenz in eine andere Welt. Wenn der Ball die Torlinie passiert hat, dann ist er in dieser anderen Welt und kann nicht mehr zurückgeholt werden. Er gehört dann einer höheren Macht. Würde der Fußball das Geld verehren, müßte wie in der Bibel ein goldenes Kalb zur Siegerehrung auf den Rasen gebracht werden. Aber die Mannschaften erhalten einen Kelch oder eine Schale, die auch in religiösen Riten eine Rolle spielen.

Eine Mannschaft, die zu oft siegt und auf die Meisterschaft abonniert zu sein scheint, wird immer weniger bejubelt, sondern die Mannschaften, denen es gelingt, den zu schlagen, der einfach zu häufig siegt. Es ist eine Art Gerechtigkeitssinn, der dem Fußball zueigen ist. Dieser entspringt aus der Logik des Wettkampfes. Denn Wettkämpfe machen nur Sinn, wenn der Sieger nicht von vorneherein feststeht. Gibt es sozusagen ein Abonnement auf die Meisterschaft verliert der Fußball seine magische Dimension, die höhere Macht kann den Ball nicht mehr lenken, sie ist entmachtet und damit verliert das Spiel seinen Reiz.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ