Fussballgottheit

Jede Religion braucht ihren Gott. Er ist die höchste Macht, er kann Gnade schenken oder durch die Niederlage strafen. Aber ist der Fußballgott nicht eine Erfindung der Journalisten? Die Sportreporter brauchen einfach eine solche höhere Macht, um vor allem die Niederlagen und auch hin und wieder einen überraschenden Sieg zu erklären. Ein deutliches Indiz für eine solche, den Lauf des Balles bestimmende höhere Macht aber sind die Favoriten, die schon in der Vorrunde aus dem Turnier ausscheiden. Es muß eine solche Macht geben, die Mannschaften zum Zuge kommen läßt, deren Spieler nur in zweitrangigen Clubs spielen. Der Sieg der Griechen bei der letzten Europameisterschaft ist der klare Beweis, daß es eine Fußballgottheit geben muß. Dieser hat der Mannschaft nicht nur den einen oder anderen überraschenden Sieg geschenkt, sondern alles war so angelegt, daß die Griechen Europameister werden mußten. Sie haben zuerst nur zögernd an diese göttliche Prädestination geglaubt. Aber dann haben sie alles getan, um die göttliche Vorherbestimmung einzulösen, indem sie Tore geschossen und die Gegner am Tore-Schießen gehindert haben.

Obwohl durch diese göttliche Vorherbestimmung die anderen Nationen offensichtlich benachteiligt worden sind, hat es keinen Krieg gegen die Griechen gegeben. Sie konnten ihre Autorcorsos in allen europäischen Städten veranstalten, ohne daß sie tätlich angegriffen wurden. Europa war offensichtlich mit der Entscheidung des Fußballgottes einverstanden. Anders als beim Gott der Christen hadern die Anhänger des Fußballgottes nicht mit seinen Entscheidungen.

Die höhere Macht, die den Ball in das Tor der einen Mannschaft lenkt und die andere Mannschaft daran hindert, trotz vieler Torchancen doch nicht den Ball über die Linie zu bringen, ist offensichtlich ein Schicksalsgott, der immer neu die Chancen verteilt, der die einen „Glück“, die anderen „Pech“ haben läßt. So ganz verschieden von dem Gott, den die Juden und Christen über viele Generationen kennengelernt haben, ist er auch nicht. „Er erhebt das Niedrige“ und „stößt die Herrschenden vom Thron.“ Er gibt den Mannschaften nicht nur Tore, sondern auch Energie, Lebenskraft. Denn er lenkt den Ball nicht selbst ins Tor, sondern läßt die eine Mannschaft überlegen sein, indem er ihr mehr Kraft und Geschicklichkeit schenkt. Auf keinen Fall will er, daß eine Mannschaft sich auf ihre Favoritenrolle verläßt und sich nicht mehr anstrengt. Nur wer bis zum Letzten kämpft, ist der Gnade des Fußballgottes würdig. 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ