Wechselgesang

Die Messfeier kennt eine Grundstruktur für die Gesänge, den Wechselgesang zwischen Vorsänger oder Vorsängergruppe einerseits und der Gemeinde andererseits. Das katholische Kirchenlied ist nicht das von der Orgel begleite Volkslied. Die liturgischen Gesänge in katholischer Tradition, so wie sie in Frankreich und vielen anderen Ländern neu belebt wurden, überlassen die schwierigeren Teile dem Vorsänger oder einer Gruppe (Schola) und die Refrains der Gemeinde. Der Wechselgesang gibt dem Gottesdienst einen Rhythmus, der durch das aus protestantischer Tradition herkommende Kirchenlied eher eingeebnet wird. Für das Liedprogramm einer katholischen Eucharistiefeier sind zwei Grundmuster zu beachten, die fast alle als Wechselgesänge konzipiert sind:

1. Begleitgesänge zu den Prozessionen, also
    - Eingangslied zum Einzug der Altargruppe;
    - Hallelujagesang zur Evangelienprozession; ist auch eine Wechselgesang!
    - Gabenlied zur Gabenprozession, das mit dem Ankommen der Prozession am Altar
      endet.
    - Kommuniongang, hier eignet sich ein einfacher Refrain.
    - Auszug – Lied, das das „Ite Missa est“, “Ihr seid gesandt“ aufgreift.

Im gregorianischen Choral entspricht
- der Introitus der Einzugsprozession
- das  Halleluja der Evangelienprozession
- das Offertorium der Gabenprozession
- die Communio dem Kommuniongang

2. Liturgische Gesänge
    - Kyrie
    - Gloria
    - Zwischengesang
    - Credo – gesungenes Glaubensbekenntnis
    - Sanctus
    - Agnus Dei (zum Ritus des Brotbrechens)

In der Gregorianik sind für diese Gesänge die verschiedenen Messen, z.B. Missa de Angelis, vorgesehen, die jeweils im Wechsel gesungen werden.

Die Messen, die im Barock, in der Klassik und bis heute für Chor und Orchester komponiert wurden, vertonen die liturgischen Gesänge, haben jedoch nicht wie die mittelalterliche Kirchenmusik ein Repertoire für die Begleitung von Prozessionen geschaffen.

Orte der Musik
Der Wechselgesang erfordert, dass Vorsänger bzw. Schola im Chorraum bzw. seitlich zum Altar im vorderen Teil der Kirche stehen. Die Grundkonzeption der katholischen Musiktradition erfordert allenfalls eine kleine Orgel im Chorraum, auf jeden Fall jedoch Vorsänger und eine Schola. Die Orgel auf der Empore hat eigentlich in der, nach dem II. Vatikanischen Konzil erfolgten, Überarbeitung des Messritus keine Funktion. Sie kann bei Orchestermessen eingesetzt werden und zur Begleitung von Liedern, die einen eigenen Stellenwert im Gottesdienst haben sollen (Kirchlied). Die Option, dass der Gottesdienst nicht wie bei einer Orchestermesse eine Schauspiel ist, dem die Gläubigen mit Andacht folgen oder das sie mit eigenem Rosenkranzgebet füllen, sondern dass eine aktive Mitfeier ermöglicht werden soll, entspricht der Wechselgesang sehr viel mehr als das von einer im Hintergrund, nicht selten zu laut begleitenden Orgel gesungene Kirchenlied.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ