Taufe

Die Dramaturgie der Taufe

In einer Ars celbrandi kommt es drauf an, den Höhepunkt zu inszenieren. Bei der Taufe geht man davon aus, dass das Eintauchen in bzw. das Übergießen mit Wasser den Höhepunkt markiert. Wenn die taufe so inszeniert wird, verlieren die nachfolgenden Zeichen ihre Kraft. Sicher ist das Wasser das zentrale Zeichen, aber die Gebete wie auch die biblischen Texte bezeichnen das Wasser als Krise. Bereits in den vorausgehenden Gebeten und in dem Glaubensbekenntnis wird der Gegensatz zwischen dem Bösen und dem Urheber alles Guten, Gott, intoniert. Das Wasser symbolisiert den Durchgang durch eine Krise, der Mensch soll dem Bösen sterben und zum Leben, das Gott als ewiges Leben schenkt, auferstehen. Wie in der Eucharistiefeier hat der Wortteil der Taufe die Funktion, die Krise zu benennen. Das Wasser und die anderen Symbole verlieren ihre Kraft, wenn die Taufe als harmonische Familienfeier dargestellt und die Krise unterschlagen wird. Gut und Böse, Tod und Leben, um die es letztlich im menschlichen Leben geht, stellen nicht nur den Täufling vor grundlegende Entscheidungen, sondern alle Feiernden. Wenn die Lösung der Krise schon am Beginn thematisiert wird, erzeugt die übliche Taufpraxis genauso wie die meisten Eucharistiefeiern den Eindruck, es sei sowieso alles in Ordnung, ob man sein Kind nun taufen lässt oder nicht, ob man am Sonntag die Messe mit feiert oder nicht. Die Taufe sagt nun, trotz aller Glättungen der Liturgiereform, dass die Ordnung und damit das Leben bedroht sind, dass es auf eine Entscheidung ankommt. Der Mensch muss sich angesichts der Tatsache des Bösen entscheiden. Diese Entscheidung sollte durch die Predigt vorbereitet werden, damit sie im Vollzug des Untertauchens bzw. Übergießens geschehen kann. Wenn der Täufling bei der Berührung mit dem Wasser schreit, ist das genauso wenig falsch wie wenn die Brautleute beim Ja-Wort und dem Anstecken der Ringe sehr erregt sind.

Wenn aber der Wasserritus erst den Durchgang durch die Krise darstellt, auf welchen Höhepunkt läuft der Taufritus dann hin? Am Bespiel des Durchzugs durch das Rote Meer kann sich der Zelebrant die weitere Inszenierung verdeutlichen: Es wird der Sieg über die bösen Mächte gefeiert. Moses, der das Volk durch das Rote Meer trockenen Fußes geführt hat, spricht ein Dankgebet und feiert mit dem jüdischen Volk ein Opfer. In der Taufe wird der Durchgang zum Leben in der Salbung mit Chrisam gefeiert. Der Getaufte ist jetzt Teil des königlichen und priesterlichen Volkes Gottes. Er wird sogar neu eingekleidet und erhält eine Kerze. Entsprechend den vier dramatischen Schritten gliedert sich die Taufe:

Benennung der Krise

Wortteil mit Lesung und Predigt

Durchgang durch die Krise

Dem Bösen widersagen, Wasserritus

Feier der durchgestandenen Krise

Salbung mit Chrisam, Taufkleid

Entlassung und Sendung

Übergabe der Kerze und Segen

Die Zuordnung der einzelnen Symbolhandlungen zu den vier Schritten eines Ritus zeigt, wie kunstvoll der Taufritus gestaltet ist. Die Feierkunst hält sich an diese Vorgabe, indem sie den einzelnen Symbolen ihren Platz gibt und den Bogen nicht nach der Wassersymbolik sich verlaufen lässt, indem die anderen Riten einfach angehängt werden. Der Bogen muss bis zur Übergabe der Kerze und dem Segen über Mutter und Paten gespannt werden. Dieser Bogen entwickelt sich in den Herzen der Feiernden nur, wenn die zentrale Aussage des Wortteils der Taufe, nämlich die Entscheidung zwischen Tod und Leben, deutlich herausgearbeitet wird.  

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ