Prozession

Prozession als Grundstruktur

Die Messe, die seit der öffentlichen Anerkennung des Christentums durch Kaiser Konstantin gefeiert wurde, fand nicht mehr in Hauskreisen statt, sondern öffentlich, in der Basilika, der Königshalle, dem kommunalen Versammlungsraum. Dieser Raum legte es nahe, ein religiöses Ritual aufzugreifen, das auf allen Kontinenten anzutreffen ist: Die Prozession.

Da die Kirchen bald so gebaut wurden, dass im Osten der Zielpunkt der Prozession erreicht wurde, schreitet die Altargruppe mit dem Bischof bzw. Priester als Letztem vom Abend, vom Westen her, der aufgehenden Sonne entgegen. Die aufgehende Sonne symbolisiert den auferstandenen Christus. Der Eingangsprozession entsprechen der Auszug und vorher die Sendung der Gläubigen in die Welt zurück, die sie, ebenfalls mit Durchgang durch das Westportal, wieder betritt.

Drei weitere Prozessionen, vor der Messreform im 16. Jahrhundert waren es wahrscheinlich noch viel mehr, gliedern nicht nur den Ablauf der Eucharistiefeier, sondern heben auch Höhepunkte heraus:

Die Evangeliumsprozession, vom Halleluja-Gesang begleitet, gibt dem Evangelium einen besonderen Platz.

Die Gabenprozession leitet den eucharistischen Teil, die Mahlfeier ein.

Die Kommunionprozession führt den einzelnen zu einer persönlichen Begegnung mit Christus in der Gestalt des gebrochenen Brotes.

Das Ritual der Prozession bietet der versammelten Gemeinde die Möglichkeit, in dem ursprünglich weltlichen Rahmen der Königshalle eine Liturgie zu feiern. Seit der Romanik sind die Kirchen noch deutlicher als Sakralräume gestaltet, so dass die Frage entsteht, ob man nicht auf die Prozessionen verzichten sollte. Man sollte nicht, denn erst mit dem Einzug sammelt sich die Gemeinde auf den Altar hin, durch die Evangelienprozession wird vermieden, dass der Wortteil der Eucharistiefeier zur Katechese wird. Die Gabengang zeigt, dass ein Mahl beginnt. Das ist deshalb notwendig, weil Brot und Wein als sinnliche Zeichen nicht mehr so wirken wie bei einer Hausmesse. Sie müssen daher herausgehoben werden – durch eine Prozession.

Der Kommuniongang sollte bewusst gestaltet werden, damit die Gläubigen sich auf die Begegnung mit Christus konzentrieren können.

Die Prozessionen sind kein typisch christliches Ritual, sie sind aber als Lösung zu sehen, eine Liturgie zu gestalten und die Menschen auf das Evangelium, die Vorbereitung des Mahles und die Begegnung mit Christus zu konzentrieren.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ