Predigt

In der protestantischen Tradition kommt der Predigt nicht zuletzt deshalb eine herausragende Bedeutung zu, weil diese Konfession in der intensiven Auseinandersetzung mit dem biblischen Text ihre Wurzeln hat und weil sie sich deutlich von der Betonung des Rituellen und Sakramentalen durch die mittelalterliche Kirche unterscheiden wollte. Da der Zelebrant in der Predigt seine wichtigste Vorbereitung auf einen Gottesdienst sieht, kann es auch in der katholischen Eucharistiepraxis zu einer Betonung der Predigt kommen, die ihrem Platz im Ablauf der Messe nicht entspricht. Als noch ein gesundes Gefühl für die Dramaturgie der Messfeier bestand, wurden die Fastenpredigten außerhalb der Messfeier gehalten, denn diese Predigten griffen ein Thema grundsätzlich auf und hatten nicht die Funktion, zur Feier der Eucharistie hinzuführen. Um die Funktion der Predigt schon bei der Vorbereitung einer Messe richtig zu sehen, hilft ein Blick auf die Überlieferung von den zwei Emmausjüngern. Ihre Begegnung mit Jesus gipfelt im Brotbrechen, eine altchristlicher Name für die Eucharistiefeier. Erst-Aufgabe des Predigers ist es also nicht, die Lesungstexte zu erschließen, sondern mit Hilfe der biblischen Texte die Gemeinde auf die Begegnung mit Christus in den Gestalten von Brot und Wein vorzubereiten. Wie in der Emmausgeschichte stützt sich die Predigt auf die Texte, aber es geht nicht um die Texte, sondern um den Glauben der Feiernden, dass sie Gott wieder tiefer vertrauen und erkennen, dass der Weg Jesu, der Weg durch Anfeindung, Schmerzen, Verachtung und Hingabe des eigenen Lebens nicht ins Nichts führt, sondern in das neue Leben. Die Predigt lenkt die Begegnung mit Gott im Wort auf das große Dankgebet, das mit der Präfation beginnt, und in das die Worte über Brot und Wein eingebettet sind.

Eine Frage kann die Predigtvorbereitung leiten: Hilft die die Auseinandersetzung mit den Texten der feiernden Gemeinde zu einem tieferen Dank über die geschenkte Erlösung? Die Predigt hat natürlich auch für das Verständnis der Texte eine unaufgebbare Funktion. Sie zeigt auf, wie Gott das Heil der Menschen wirkt. Im Unterschied zu einer Wort-Gottes-Feier weitet die Predigt in der Messe den Blick auf die Feier der Eucharistie aus, sie legt nicht nur den Text auf die Situation der Gläubigen hin aus.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ