Messe oder Katechese

Es gibt seit der Einführung der Liturgie, die nach dem II. Vatikanischen Konzil erarbeitet wurde, ein ständiges Unbehagen an der reformierten Messe. Nicht nur konservative Katholiken, sondern auch Psychotherapeuten und Schriftsteller wie Martin Morsebach kritisieren die neue Liturgie. Was ist der Stein des Anstoßes? Die neue Liturgie an sich ist erst einmal eine Verbesserung. In der Landessprache können die Gläubigen sehr viel einfacher mitfeiern, es gibt eine größere Auswahl an biblischen Lesungen, überhaupt ermöglicht die neue Liturgie eine aktivere Beteiligung der Gläubigen. Was verursacht dann aber das Unbehagen? Es ist eine grundlegende Veränderung, die unter der Hand geschehen ist, von Liturgen wie Bischöfen nicht bemerkt, jedoch mit gravierenden Folgen, die sich im Rückgang des Gottesdienstbesuches zeigen:

Aus der Messe ist eine Katechese mit angehängtem Ritus des Brotbrechens geworden.

Das Erklären verstellt den Ritus

Diese Umwidmung der Messe, die aus einem Gottesdienst eine Unterrichtsstunde macht, geschieht, ohne dass an dem liturgischen Ablauf etwas geändert werden musste. Die grundlegende Veränderung bleibt auch deshalb unbemerkt, weil die katholische Kirche sich der Moderne in ihrem Innersten angepasst hat. Sie traut nicht mehr ihren Riten, sondern ist mit der Moderne überzeugt, dass man erst erklären muss, ehe man teilnehmen kann. Das Erklären wird bei Theateraufführungen und Konzerten ebenso praktiziert. Das war in der frühen Kirche anders. Es gab sehr wohl eine lange Einführung, die ganze Fastenzeit wurden die Katechumenen mit den Inhalten des Glaubensbekenntnisses vertraut gemacht und so auf die Taufe vorbereitet. Der Taufritus wurde jedoch nicht vor der Taufe erklärt, sondern erst nach der Osternacht, wenn die Taufe bereist geschehen war. Jetzt wird alles erklärt, aus Herzensbildung  wird Verstandesbildung. Um was geht es aber der in die Messe verlegten Erwachsenenbildung. Es sollen die Erkenntnisse der Bibelwissenschaften den Gläubigen nahe gebracht werden. Man kann die Lesungen nicht mehr einfach verstehen, sondern sie müssen es wissenschaftlich erläutert werden. Hat der Gottesdienstbesucher die Katechese absolviert, so wird kann er noch an dem eucharistischen Mahl teilnehmen. Dass aber die Predigt die Lesungen mit dem eucharistischen Mahl verbinden soll, ist in Vergessenheit geraten. Da die Auslegung des Textes alle Kräfte beansprucht, wird die Lesung nicht mehr auf die Lebenswelt bezogen und auch kaum mit dem konkreten Leben der Menschen verbunden. 

Dass die Messe zu einer Unterrichtsstunde umfunktioniert wurde, ist an vielen kleinen Veränderungen zu erkennen.

Einleitung wie in eine Religionsstunde

Nach der Reform, die vom II. Vatikanischen Konzil angeregt wurden, ist nicht nur das Latein durch die Volkssprachen abgelöst worden, die Messe ist vieler ihrer ritueller Elemente beraubt: Es gibt keine feierliche Eröffnung, am Sonntag wird die Besprengung mit Weihwasser nicht mehr durchgeführt. Stattdessen beginnt der Zelebrant mit einer Einführung in die „Schulstunde“, indem er einen Ausblick auf Lesungen und Evangelium gibt und schon andeutet, wie er die Texte interpretieren wird. Wer verschiedenen Kirchen in Deutschland besucht, wird fast nie in der Eröffnung hören, dass man sich zum Gedächtnismahl trifft, das Jesus den Aposteln anvertraut hat. Vielmehr beginnen die meisten Zelebranten etwa so:

Wir hören heute im Evangelium, das Jesus von dem kranken Glauben fordert.“ Meist wird daraus ein Sündenbekenntnis abgleitet: „Deshalb bitten wir Gott um Verzeihung, wo wir zu wenig geglaubt haben.“

Meist ist der Bogen der Predigt auch so angelegt, dass den Zuhörern eine Anwendung für das eigene Leben eröffnet wird. Das ist sicher sinnvoll. Aber warum sollen die Gläubigen noch zum eucharistischen Teil des Gottesdienstes bleiben, wenn doch schon „alles gesagt ist“ und die Predigt keinen Bogen zum Dankgebet (so ist das griechische Wort „eucharistia“ zu übersetzen) spannt. Die Fürbitten zeigen, wohin der Bogen gespannt wird: Gott wird um etwas gebeten. Sicher auch nicht falsch, aber soll der Wortteil der Messe nicht zum Dank hinführen. Solange der eucharistische Teil der Messe nicht einen höheren Stellenwert bekommt und der Zelebrant schon vom ersten Moment an den Blick auf die Eucharistie, die Danksagung und das Lob Gottes lenkt, wird die katholische Messe weiter verkümmern und es wird wahrscheinlich eine Rückkehr zur tridentinischen Messe geben, denn diese ist unverwechselbar Gottesdienst und keine Katechese, d.h. Unterrichtung über die Inhalte der Lesung, also Sonntagsschule. (Tridentinische Messe wird die nach dem Trienter Konzil reformierte Messe genannt, die nur in Latein gefeiert wurde und den Gläubigen kaum Beteiligungsmöglichkeiten eröffnete.)

Die Orgel schiebt von hinten

Auch die musikalische Tradition ist aufgeben worden. Das Kryrie, mit dem die Gemeinde feierlich ihren Herrn, Christus begrüßt, wird ebenso gesprochen wie das Glaubensbekenntnis, obwohl die Tradition bis zu Schubert und Bruckner immer das gesungene Credo (Ich glaube) kennt. Eine Schulklasse gibt auch keine gesungene Antwort auf die den Unterricht.

Da der Musiker hinter der Gemeinde auf der Empore die Orgel spielt, hat er nur dieses Instrument, um den Gemeindegesang zu leiten.

Dieser war aber ursprünglich ein Wechselgesang. Vorsänger oder eine kleine Schola singen die anspruchsvolleren Melodien. Sie stehen vorne und können so den Gesang dirigieren, die Orgel kann nur „schieben“.

Da in Deutschland vor dem Gottesdienst kaum noch Lieder eingeübt werden, reduziert sich das Repertoire auf 20 bis40 Nummern des Gebetbuches.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ