Lesung

Warum sollen die zum Gottesdienst Versammelten sich einen Text aus dem Propheten Jesaja, einen Abschnitt aus einem Paulusbrief oder eine Begebenheit aus der jüdischen Glaubensgeschichte anhören? Aufmerksamkeit entsteht ja, wenn die Hörer eine Erwartungshaltung haben. Damit die Gottesdienstteilnehmer von der Lesung etwas erwarten, ist die Einführung so wichtig. Wenn in der Einführung am Beginn des Gottesdienstes nur der Inhalt der Lesung angekündigt wurde, erzeugt man eher ein Weg-Hören. Denn warum soll ich hinhören, wenn ich das Entscheidende schon weiß. Die Lesung wird dann gut aufgenommen, wenn sie als erste Antwort auf eine Glaubensfrage angekündigt ist. Die Texte der Bibel werden ja deshalb immer noch angehört, weil in ihnen etwas steckt, was mit den Fragen der Menschen heute korrespondiert. Der lange Entstehungsprozess des biblischen Kanons garantiert, literarisch gesehen, dass die Texte nicht an eine Generation gebunden sind, sondern für nachfolgende Generationen immer noch interessant sind – bis zu den Bibelverfilmungen für Kino und Fernsehen. Auf diese Substanz kann der Zelebrant bauen, er muss nur in der Eröffnung anklingen lassen, welche Perspektiven der Text aufzeigt.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ