Himmlische Liturgie

Die feiernde Gemeinde, die sich in der Kirche versammelt, befindet sich symbolisch bereits im Vorhof des himmlischen Jerusalems. So sind die Kirchen gebaut. Die Apsis und die Gewölbe symbolisieren den Himmel. Die Barockkirche stellt als zentrales Motiv des Hauptaltars in der Regel die Aufnahme Marien in den Himmel dar. Das Deckengemälde über dem Kirchenschiff ermöglicht den Gläubigen einen Blick in den Himmel. In gotischen Kirchen sind die Heiligen und die Engel, Bewohner der himmlischen Welt, in den Figuren und den lichtdurchstrahlten Fenstern anwesend. Im Gesang vereinigt sich die im Kirchenraum versammelte Gemeinde mit der himmlischen Liturgie, wie sie in dem letzten Buch der Bibel, der Geheimen Offenbarung, beschrieben wird. Die Liturgien des Ostens sind von der Verschränkung der auf Erden gefeierten Liturgie mit der himmlischen Liturgie noch stärker durchdrungen.

Seitdem die Aufklärung das Denken und Fühlen der Menschen im Abendland prägt, ist die Liturgie stärker auf diese Welt ausgerichtet und wird weniger als „Vorspiel“ der himmlischen Liturgie gefeiert. Im Sanctus ist diese Verschränkung von irdischer und himmlischer Liturgie noch am deutlichsten erhalten, ebenso im Gedächtnis der Heiligen. Der Zelebrant kann das Ineinander von Erde und Himmel dadurch zum Ausdruck bringen, dass er nach oben blickt und dass er in mittelalterlichen und barocken Kirchen die gebaute himmlische Dimension einbezieht, z.B. in der Eröffnung, in der Predigt oder bei der Einleitung des Vaterunsers.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ