Dramaturgie

Wie gelingt es, dass Menschen über 50 Minuten und länger einem Geschehen aufmerksam folgen? Ob Film, Theater, Musik oder eine Schulstunde, die jeweils zutreffende Dramaturgie sichert die Aufmerksamkeit. Der Regisseur setzt die Dramaturgie um. In gewissem Sinn ist der Zelebrant auch Regisseur. Allerdings muss er dem Aufbau des ganzen Drehbuchs folgen und innerlich das Ganze umfassen. Denn wenn der Zelebrant geistig nur jeweils beim einzelnen Teil der Feier ist, dann bekommen die Feiernden das Gefühl: „Er weiß gar nicht, wie es weiter geht. Hoffentlich findet er die richtige Stelle im Messbuch, dass die Liturgie nicht ins Stocken kommt.“ Vermittelt der Zelebrant nicht, dass er das Ganze im Blick hat, werden die Menschen vom Liedsingen, vom Zuhören, vom Antworten abgelenkt. Sie sollen sich aber ganz dem Kyrieruf, dem Text der Lesung, dem Hochgebet, dem Vaterunser widmen können. Das können sie aber nur, wenn der Zelebrant das Gefühl gibt, dass er mit ruhiger Hand die Feiernden durch die Liturgie führt. Wenn die Liedeinsätze zögerlich ausfallen, wenn die Antworten nicht einheitlich folgen, wenn die Gemeinde beim Vaterunser ins Stocken kommt, dann könnte es sein, dass der Zelebrant unaufmerksam war und den Blick für das Ganze verloren hat.

Zum Höhepunkt führen
Man kann von einer Dramaturgie sprechen, wenn es Bewegung gibt. Bliebe ein Gottesdienst jeweils auf der gleichen Höhe der Emotion und der inneren Beteiligung, könnte man nicht von Dramaturgie sprechen. Das Rosenkranzgebet ist für ein Gebet ohne Höhepunkt deshalb ein Beispiel, weil es ins Meditieren führen soll. Die Messe hat jedoch einen Höhepunkt. Dieser kann nicht am Anfang liegen, denn dann würde der Spannungsbogen im Verlauf des Gottesdienstes immer mehr abflachen. Dann würden die Teilnehmer nach und nach die Kirche verlassen. Damit Gottesdienstbesucher aber bleiben, muss der Zelebrant eine Erwartung aufbauen, ohne diese aber gleich am Anfang zu erfüllen. Das wird nicht selten gemacht, z.B.

„Wir fragen uns: Hat Gott uns erlöst? Die Frage stellen wir mit Recht, denn als sündige Menschen brauchen wir Vergebung. Die Antwort lautet: Ja, Gott hat uns erlöst.“

Wer gleich am Anfang die zentralen Aussagen platziert, kann nicht mit der Aufmerksamkeit und inneren Beteiligung der Gottesdienstbesucher über die ganze Strecke es Gottesdienstes rechnen. Das ist auch psychologisch nicht möglich, denn das Thema der Messe heißt „Verwandlung“. Da braucht es mehr als ein paar Sätze. Der kunstvolle Aufbau der Messe beinhaltet Jahrhunderte alte Erfahrung, die nicht einfach „modernisiert“ werden können. Ihre Dramaturgie bestimmt sich einmal durch den Inhalt. Der Inhalt ist mit dem Wort “Wandlung“ umschrieben.

Wandlung
Die Feiernden sollen sich wandeln, vom Nicht-Glauben-Können zu einem tieferen Verstehen der Heilswege Gottes, vom Schuldigen zu dem, dem Gott verziehen hat, von dem, der nicht der Bergpredigt gefolgt ist, weil die Gesetze der Welt dem Gesetz Christi widersprechen und er deshalb den Gesetzen der Welt folgen, zu einem, der den Weg Jesu wieder gefunden hat. Dieser Inhalt muss eine Form finden, damit er sich entfalten kann.

Die Messe als inszenierte Handlung
Welche Form hat die lateinische Liturgie gefunden, innerhalb derer die Wandlung sich vollzieht? Viele Liturgen nehmen an, die Form der Messe sei das Mahl. Das gilt für Gruppenmessen, bei denen man um einen Tisch sitzt, und z.B. weder beim Evangelium noch beim Hochgebet aufsteht und das gewandelte Brot und den Becher herumreicht.

Anders die lateinische Messe. Sie hat als äußere Grundstruktur die Prozession als liturgisches Stilmittel aufgegriffen. Auch orthodoxe Liturgien kennen verschiedene Prozessionen. Dass die Prozession das grundlegende Darstellungsmittel ist, liegt an der Basilika. Sie ist so angelegt, dass vorne jemand sitzt, zu dem man hingeht, um eine Erlaubnis, ein Dokument, einen Richterspruch zu erlangen. War es in der römischen Basilika der Vertreter des Kaisers, so empfängt in der Basilika unter dem Bild Christi in der Aspis der Zelebrant die Gläubigen. Jedoch gibt es nicht nur eine Prozession. Der Zelebrant kann die Teilnehmenden am leichtesten durch die Liturgie führen und die Aufmerksamkeit gewinnen, wenn er die Stilmittel des lateinischen Ritus einsetzt: Die vier Prozessionen zum Eingang, zum Evangelium, der Gabenbereitung und zur Kommunion „funktionieren“, denn sie ermöglichen Aufmerksamkeit und Mitfeier. Die Prozessionen sind theologisch nicht notwendig, denn sonst wäre eine Gruppenmesse, die näher an der Situation im Abendmahlsaal angesiedelt ist, nicht möglich. Dramaturgisch entfaltet sich eine Messe jedoch in einer abendländischen Kirche durch die Ausgestaltung der Prozessionen. Das gilt auch für meisten nach dem Zweiten Weltkrieg gebauten, gefeiert wird.

Musik
Ein wichtiges Element jeder Liturgie ist der Gesang. Er sollte, wie es für große Versammlungen sinnvoll ist, in der für die lateinische Liturgie gefundenen Form als Wechselgesang inszeniert werden. Es widerspricht dem Aufbau der Liturgie und der Raumkomposition, wenn die Musik von der Empore erklingt. Eine kleine Orgel im Chorraum ist sehr viel funktionaler als eine, die von hinten die Gemeinde „beschallt“. Der Wechselgesang kann, wie beim Stundengebet, zwischen zwei Gruppen, „Chören“ genannt, erfolgen, oder durch einen Vorsänger oder eine Schola, die die musikalisch schwierigeren Teile übernehmen. Die Gemeinde singt die einfacheren Teile. Das heute gängige „Kirchenlied“ hat in der römischen Liturgie eigentlich kaum Platz. Denn hier sind der Kyrieruf, das Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Die eigentlich als Wechselgesänge konzipiert.

Hymnen
Gesungener Lobpreis und Dank hat im Gloria und der Präfation seinen Platz. Nach dem Kommunionempfang folgt ein Danklied.

Lesungen
Ein weiteres Element der Messfeier wie auch aller anderen Riten sind Lesungen aus der Bibel. Diese Tradition konnten die Christen bereits aus dem Synagogengottesdienst übernehmen. Die Lesungen werden durch Wechselgesänge gegliedert. Die Lesung des Evangeliums wird durch eine besondere Prozession, zu der das Halleluja gesungen wird, herausgehoben.

Gebete
Zu jedem Gottesdienst gehören notwendig Gebete, mit denen Gott angesprochen wird. Mit dem Tagesgebet richtet sich die Gemeinde auf Gott, den Vater aus. In den Fürbitten wie auch in den letzten gebeten des Hochgebets werden Gott verschiedene Anliegen entgegengebracht. Weiter sind Lob und Dank Inhalte des Gebetes. Im Hochgebet und nach der Kommunion geht die Bitte dahin, dass sich in jedem vollzieht, was im Gottesdienst gefeiert wird.

Die das Ganze umfassende Dramaturgie
Die verschiedenen Elemente machen aus einer Versammlung erst eine Liturgie. Mit Prozession und Hymnus erreicht die Versammlung erst einmal den Status einer Feier. Die Inhalte der Feier werden in Gebeten, Lesungen und der Predigt entfaltet. Die hier aufgezählten Elemente sind notwendig, sie brauchen jedoch eine Ordnung. Diese findet sich in der grundlegenden Bewegung vom Westen her zum Altar hin. Lesungen, die auf die Situation des Gottesdienstbesuchers hin ausgelegt werden, die Gesänge, Prozessionen und auch das Hochgebet bereiten auf die Begegnung mit Christus im der letzten Prozession, dem Kommuniongang vor.  Deshalb ist der Höhepunkt der Messe nicht die Wandlung mit dem Hochgebet, sondern der Empfang des gewandelten Brotes. Damit ist die Dramaturgie jedoch noch nicht an ihrem Endpunkt angekommen. Denn anders als ein Krimi endet die Messe nicht, wenn der Falls „gelöst“ ist. Nach dem Krimi kann man sich ruhig zurücklehnen, nach der Messe ist das Zeugnis in der Welt gefragt und ein Handeln entsprechend dem neuen Gesetz, das Jesus verkündet hat. Es ist gerade diese Grundstruktur, die den Weg nach vorne zum Kommunionempfang durch verschiedene Elemente gliedert und dann in die Sendung zurück in die Welt mündet, die die Prozession über Jahrhunderte als Grundstruktur der Messe erhalten und den Großteil der abendländischen Kirchbauten bestimmt hat.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ