Im Mittelalter übten
die sterblichen Überreste von heiligen Menschen eine
große Anziehungskraft aus. Es kam zu großen Wallfahrtsbewegungen
zu den Gräbern von Petrus und Paulus in Rom, nach Santiago
(heiliger Jakobus) de Compostella, wo nach der Legende die
Gebeine des Apostels Jacobus, des älteren Bruders des
Johannes, gelangt sind; ab dem 12. Jahrhundert nach Köln,
weil Erzbischof Rainald von Dassel 1158 aus Mailand die Gebeine
der Drei Könige, die der Stern zur Krippe in Bethlehem
geführt hatte, nach Köln gebracht hatte. Was erhofften
sich die Menschen, wenn sie den Sarg berühren oder sehen
konnten?
Reliquie kommt von "Zurücklassen",
Knochen, aber auch Kleidungsstücke sind das, was die
Heiligen zurückgelassen haben.
Schon die ersten christlichen
Generationen haben ihre Heiligen dort beerdigt, wo sie Gottesdienst
gefeiert haben, in den Katakomben und später in den
ersten Basiliken. In den romanischen Kirchen wurden die Gebeine
der Heiligen in der Krypta beigesetzt. Der Altar wurde dann
sozusagen über den Gräbern der Heiligen errichtet.
Das Bonner Münster erhebt sich über einem alten
Soldatenfriedhof, in der Krypta kann man sich noch ein Bild
von der ersten kleinen Kapelle machen, die über den
Gräbern der Märtyrer errichtet worden war. Wenn
die Mittel für den Bau einer Krypta fehlten, spricht
man von einer Confessio, "Bekenntnis", denn die
Kirche baut auf dem Bekenntnis der Glaubenszeugen auf.
In der Gotik bricht sich eine
andere Frömmigkeit Bahn. Die Menschen wollten sehen.
So erhob der Priester die gewandelte Hostie über seinen
Kopf, denn er stand vor dem Altar mit dem Rücken zur
Gottesdienstgemeinde. Die Wallfahrten nahmen zu, so dass
man die Pilger nicht mehr durch die Krypta schleusen konnte.
In der ersten gotischen Kirche, Saint Denis, heute ein nördlicher
Vorort von Paris, wurden die Gebeine des hl. Dionysius, des
ersten Pariser Bischofs, den Altar gestellt. Das kann man
heute noch im Kölner Dom sehen. Der goldene Schrein
mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige steht auf
dem Hauptaltar. Warum wollten die Menschen den Sarg eines
Heiligen anfassen oder später den Schrein mit seinen
Gebeinen sehen? Die Reliquien, das was die Seele des Heiligen
auf der Erde zurückgelassen hatte, wird am Ende der
Welt bei der Auferstehung der Toten wieder mit der Seele
vereint werden. Die Toten werden ihre Gräber verlassen
und sich mit ihren Seelen, die im Himmel sind, vereinen.
Kirchen mit den Gebeinen der Heiligen sind damit Tore zum
Himmel. Die Reliquien werden aus den Gräbern in den
Himmel versetzt werden. Wer die Gräber der Heiligen
besuchte, sah sich dem Himmel näher und konnte hoffen,
mit den Gebeinen der Heiligen in den Himmel aufgenommen zu
werden.
So materiell der Umgang mit den
Reliquien uns heute erscheint, seine Wurzel ist der Glaube
an die Auferstehung aller Verstorbenen. Da man sicher sein
konnte, dass die Heiligen nicht in der Hölle sein werden,
sondern im Himmel, konnten sich die Menschen durch den Besuch
der Reliquien auf den Himmel ausrichten. |
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