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Gotik - das Licht als Bauidee
Wer eine gotische Kirche betritt,
findet sich in einem von Fenstern bestimmten Raum vor. Nicht mehr Wände und Gewölbe, wie in der
Romanik, sondern Säulen und in Kreuzrippen aufgelöste Gewölbe
dienen als Rahmen und Strukturelemente für die großen Fensterflächen.
Kirchen aus Säulen und Kreuzrippengewölben zu errichten, verstand
man schon in der Romanik. So würde der Speyrer Dom stehen bleiben,
wenn man die Wandflächen herausnähme. Man hat das aber erstmals
in St. Denis in der Mitte des 12. Jahrhunderts getan. Eine neue Idee setzte
anstelle der Wände bemalte Glasfenster, denn eine neue religiöse
Bewegung hatte das Denken der Menschen erfaßt. Es ging nicht mehr
darum, der Kirche in den nach der Völkerwanderung neu entstandenen
Staaten und Gemeinwesen eine Form zu geben, die sowohl der weltlichen wie
der geistlichen Macht ihren Platz zuwies. Auf der Basis des Erreichten
erfaßte die Menschen eine Sehnsucht nach dem Göttlichen. Sie
wollten nicht mehr die menschliche Gesellschaft ordnen, die Dämonen
und Feinde niederhalten, sondern einen Blick in den Himmel werfen, um so
die Einheit von geschaffener und himmlischer Welt zu erleben. Das Licht
verband nach der Vorstellung der damaligen Philosophie die himmlische und
die irdische Welt. Das ist eine uns fremde Vorstellung, weil wir wissen,
daß das Licht ein physikalisches Phänomen ist, eine Ausformung
von Energie, die als Wellenbewegung beschrieben werden kann. Bis zu diesen
Erkenntnissen der Naturwissenschaft hielten die Menschen das Licht für
etwas Immaterielles und mehr den himmlischen Sphären zugeordnet. Die
Sonne und die Gestirne leuchten, nicht aber Gegenstände auf dieser
Erde, wenn sie nicht von oben her beleuchtet werden. Aber auch Gegenstände
haben Anteile am Licht, so Edelsteine, aber auch die Kohle. Je mehr Anteile
ein geschaffenes Gut am Licht hat, desto himmlischer, desto mehr Gott ähnlich
erschien es den Menschen. Der Mensch selbst gewinnt seine Erkenntnis durch
das Licht, indem er vom göttlichen Geist erleuchtet wird. Diese Vorstellung
hat auch die Moderne geprägt. Das Zeitalter der Aufklärung, das
die Vernunft anstelle Gottes an die oberste Stelle rückt, nennt sich
in Frankreich und England „Zeitalter des Lichtes“. Wenn etwas
hell ist, dann können wir es erkennen, durchschauen. Dunkel sind die
Unwissenheit und das Böse.
Die christliche Lichtmystik:
Der Evangelist Johannes nennt den menschgewordenen Sohn Gottes „das
Licht“.
„ In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat
es nicht erfaßt. ......
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“
Kap 1, Verse 4,5 und 9
Wer im Licht ist, hat Zugang zu Gott, das Licht vermittelt das
Aufsteigen in die himmlische Welt. Der Mittler, der menschgewordene
Gott, ist selbst das Licht. Das Licht ist zugleich das schöpferische
Prinzip. Johannes sagt, daß durch ihn „alles geworden
ist“. „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn
geworden.“ (Vers 10).
Die Gotik hat diese Theologie des Lichtes gebaut. Sie hat anstelle
der in der Romanik bemalten Mauern Bilder gesetzt, die vom Licht
durchstrahlt werden. Diese Bilder stellen wie die Skulpturen die
Bewohner des Himmels, die Heiligen dar und Szenen aus der Bibel.
Das irdische Leben ist von geringem Interesse und findet allenfalls
in der Darstellung der Jahreszeiten Erwähnung. Der Abt Suger,
Erbauer der ersten gotischen Kirche, St. Denis, heute eine nördlicher
Stadtteil von Paris, schreibt:
„
Das ganze Heiligtum ist von einem wundervollen, ununterbrochenen
Licht erleuchtet, das durch die heiligsten Fenster eindringt.“ Hugo
von St. Victor, ein Zeitgenosse des Abtes Suger, spricht von den
bemalten Fenstern als geistlichen Sinnen, die uns von unserer Blindheit
erlösen.
Eckhard Bieger S.J.
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Pfarrkirche Kronenburg, Eifel mit der für die Eifel charakteristischen
zentralen Säule

Dom Achen, gotischer Chor
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