Zusammenfassende deutsche Kirchengeschichte rück auf vor


Die Ausbreitung des Luthertums

In Deutschland griffen die Ideen und die Lehre Martin Luthers rasch um sich. Die Ausbreitung war mit starken sozialen Unruhen verbunden, die ihren Höhepunkt in den Bauernkriegen (1524-26) fanden. Mag Luther anfangs den Aufständischen positiv gegenüber gestanden sein, weil sie die Zulassung der freien Predigt des Evangeliums und die Freilassung der neugläubigen Prediger forderten, so wandte er sich später angesichts der blutigen Auseinandersetzungen ab. Gegen sie richtete er seine Schrift „Wider die mörderischen Bauern“. Darin forderte Luther die Fürsten auf, dem blutigen Treiben ein Ende zu setzen. Damals sollen etwa hunderttausend Bauern ums Leben gekommen sein.

Zweifellos drängt sich der Eindruck auf, daß die Schrift Luthers gegen die Bauern für ihn selbst nicht förderlich war. In weiten Kreisen galt er als Fürstenknecht, und Johannes Cochläus beschimpfte Luther: „Jetzt, wo die armen Bauern die Schlacht verloren haben, kehrst du dich zu den Fürsten.“ Aber nicht nur dies, auch seine Heirat mit der ehemaligen Zisterziensernonne, Katharina von Bora, wirkte sich für ihn negativ aus. Die Heirat erfolgte inmitten der Bauernkriege. Selbst seine engsten Freunde verstanden diesen Schritt zu diesem Zeitpunkt nicht. Ganz zu schweigen von den Gegnern Luthers. Sie warfen ihm vor, durch Unzucht die Gelübde befleckt zu haben.

Die Volksbewegung „Reformation“ wurde durch die Bauernkriege gestoppt. An ihre Stelle trat die Fürstenreformation, die ihren Höhepunkt darin fand, daß Luther die Landesherren zunächst als Notbischöfe ansah, die für die versagenden Bischöfe einspringen müßten. Aus der Not wurde sehr bald die Regel, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs galt: Der Landesherr ist der Inhaber des obersten Kirchenregiments und hat das Wächteramt inne. Er ist der Summus Episcopus.

Diese Entwicklungen führten in Deutschland zu der Bildung von konfessionell-politischen Machtgruppierungen. Die katholischen Fürsten trafen sich 1524 zum Regensburger Konvent. Hier beschlossen sie die Durchführung des Wormser Edikts und gestanden sich bei Aufruhr gegenseitige Hilfen zu. Ferner legten sie fest, daß die Feier der Messe und die Sakramentenspendung nach der alten Form erfolgen sollte. Bereits ein Jahr später entstand das Dessauer Bündnis. Dieses Abkommen sah vor, gemeinsam die Bauernaufstände abzuwehren und die „lutherische Sekte“ als Wurzel des Aufstandes zu beseitigen.

Karl V. versuchte 1526, im Sinne des Wormser Edikts die Verhältnisse in Deutschland zu ordnen. Doch es schien, als sei die Mission des Kaisers aus zwei Gründen nicht so wichtig: Erstens, der Papst hatte sich inzwischen mit den Feinden des Kaisers, den Franzosen, verbündet, und zweitens wurde die Türkengefahr immer bedrohlicher. So wurde auf dem Reichstag zu Speyer 1526 beschlossen, die Glaubenssachen bis zu einem allgemeinen Konzil zu verschieben, bis dahin sollte sich nichts ändern. Ein Konzil oder ein Nationalkonzil solle binnen eines bzw. eineinhalb Jahren zusammentreten. Die Durchführung des Wormser Edikts wurde den Landesherren überlassen. Die Stände sollten sich so verhalten, wie ein jeder es vor Gott und der Kaiserlichen Majestät verantworten könne. Diese Worte des Reichtagsabschieds waren für die Fürsten die entscheidende Formulierung, aus der sie das Recht ableiteten, die Reformation durchzusetzen.

1530 wollte Karl V. nun endlich die Religionssache in Deutschland beenden. Er hatte mit Papst und Frankreich Frieden geschlossen, und nun sollte die Einheit der Kirche wiederhergestellt und die Türkengefahr beseitigt werden. Karl hatte den Reichstag nach Augsburg eingeladen. Hier kam es zur Verlesung der Augsburger Konfession und der katholischen Widerlegung. Die inzwischen bestehenden Lehrunterschiede konnten nicht mehr überwunden werden. Die Hoffnung des Kaisers, die kirchliche Einheit zu erreichen, ging nicht in Erfüllung. Der Appell des Kaisers im Reichstagsabschied, sich wieder zu vereinigen blieb wirkungslos. Die protestantischen Fürsten schlossen sich 1531 zum Schmalkaldischen Bund zusammen.

Nicht nur weltliche Herrscher wendeten sich der neuen Lehre zu. Der Abfall der geistlichen Territorien begann 1525 mit dem Übertritt des Großmeisters des Deutschen Ordens zum Luthertum.

Mit der Ausbreitung der Lehre ging in Deutschland auch eine innerkirchliche Reform einher. Sie war der Garant dafür, daß die deutschen Lande nicht insgesamt zu der neuen Lehre überliefen..