Zusammenfassende deutsche Kirchengeschichte rück auf vor


Die Spaltung der Westkirche

Es war der Jubiläumsablaß zugunsten des Neubaus der Peterskirche (1517), der Luther in Gegensatz zur Kirche brachte. Albrecht von Mainz hatte den Ablaßpredigern zwar klare und theologisch einwandfreie Weisungen zur Ablaßpredigt erteilt. So trifft es auch nicht zu, daß in diesen Weisungen der Satz - auf den sich Luther berief - enthalten war, daß durch diesen Ablaß auch der Nachlaß zukünftiger Sünden versprochen wurde. Allerdings muß bezweifelt werden, ob sich die Prediger selbst an die erlassenen Weisungen hielten.

Johannes Tetzel war der Ablaßprediger für die Kirchenprovinz Magdeburg. Als Luther von dem Inhalt der Predigt und von den Rückschlüssen der Menschen erfuhr, wandte er sich an den zuständigen Bischof, Albrecht von Mainz, mit der Bitte, er möge die Instruktionen zurückziehen und den Predigern neue Weisungen erteilen. Der Ablaß selbst, so Luther, bedürfe noch der Klärung durch die Theologen. Gleichzeitig übersandte er dem Erzbischof 95 Thesen über die Kraft des Ablasses.

Den Anschlag der Thesen durch Martin Luther an der Schloßkirche zu Wittenberg, wie heute noch immer fälschlicherweise tradiert wird, hat es nicht gegeben. Weder die Zeitgenossen Luthers noch sein engster Mitarbeiter Melanchthon berichten darüber. Dennoch blieben die Thesen Luthers nicht unbekannt, und seine Einwendungen gegen den Papst fanden in Deutschland eine starke Beachtung. Teilweise konnten die Thesen als ein Angriff auf das Papsttum verstanden werden. Dies gilt erst recht für die Resolutionen zu den Ablaßthesen, die Luther 1518 abschloß. Darin wird der Primat des Papstes bestritten und Luther stellte die These auf, die römische Kirche habe zur Zeit Papst Gregor des Großen nicht über den anderen Kirchen gestanden.

Wenn die Thesen Luthers auch aggressiv gegen das Papsttum gerichtet waren, Rom und den Papst lehnte Luther zu dieser Zeit nicht ab. Sein Schreiben, das er an den Papst richtete und seinem Ordensoberen am 30. Mai mit der Bitte um Weiterleitung übergab, endet mit dem Satz: „Christus erwarte ich als Richter, der durch den Apostolischen Stuhl sprechen wird.“ Und in einem Brief, den Luther vor dem 30. Mai an den Papst richtete, schrieb er: „Deine Stimme will ich als die Stimme Christi erkennen, der in Dir herrscht und redet.“ Und immer wieder versichert er, er wolle nichts behaupten als das, was in der Heiligen Schrift, in den von der Römischen Kirche anerkannten Kirchenvätern und in dem päpstlichen Kirchenrecht enthalten sei.

Wann der innere Bruch Luthers mit der Kirche genau erfolgte, ist sehr schwer auszumachen. Entscheidend war das Jahr 1519. Auch wenn er in diesem Jahr noch betonte, es könne keine Ursache geben, daß man sich von der römischen Kirche trenne, so mag die innere Trennung bereits im Oktober 1518 erfolgt sein. In diesem Monat fand das Verhör Luthers durch einen der bedeutendsten Theologen der damaligen Zeit, Kardinal Cajetan, in Augsburg statt. Es kam zu keiner Einigung, und der von römischer und kaiserlichen Seite erhoffte Widerruf Luthers blieb aus. Das Fazit Luthers lautete: „Nur dann gehorche ich, wenn ich aus der Schrift oder der Vernunft widerlegt werde.“ Von einem inneren Widerspruch getragen war also sein Appell vom 16. Oktober 1518 an den Papst. Einerseits erklärte er sich bereit, all seine Entscheidungen der Heiligen Römischen Kirche zu unterwerfen, andererseits verlangte er, die Kirche und der Papst müßten sich auf die Schriftgemäßheit hin ausweisen. Und schon zwölf Tage später forderte er ein allgemeines Konzil, das in Glaubenssachen über dem Papst stehe. Vor diesem Konzil, das ihm sicheren Zugang gewähre, wolle er seine Sache vertreten und verteidigen.

Wie groß die innere Trennung Luthers von der Kirche war, wurde bei der Leipziger Disputation zwischen Eck und Luther 1519 deutlich. In diesem Gelehrtengespräch lehnte Luther die Verbindlichkeit allgemeiner Konzilien ab. Für sich sagte er: „Daher will ich frei sein und kein Gefangener der Autorität, weder des Konzils noch der Staatsgewalt, noch der Universitäten. Nur das will ich bekennen, was ich als wahr erkannt habe.“ Noch schärfer wurde er ein Jahr später (1520) in seinen Kampfschriften. Hier lehnte er das Lehramt des Papstes, die heilige Messe und die Lehre von der Wesensverwandlung ab. Allerdings hielt er trotzdem an der Gegenwart Christi im Abendmahl fest. Als Sakramente erkannte er nur die Taufe, das Abendmahl und die Buße, diese allerdings mit Vorbehalten, an.

Nach diesen Kampfschriften konnte eine Verurteilung Luthers durch die Kirche nicht ausbleiben. Sie erfolgte im Juni 1520 durch die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“, in der zugleich 41 Sätze aus Luthers Schriften verurteilt wurden. Diese Bulle verbrannte Luther am 10. Dezember in Wittenberg, und mit dieser Verbrennung bezeichnete Luther den Papst erstmals als Antichrist. So kam denn, was kommen mußte, am 3. Januar 1521 wurde Martin Luther exkommuniziert. Nun hätte der weltliche Arm nach dem damaligen Recht die Folgen einer Exkommunikation vollstrecken müssen. Im Falle Luthers ging die weltliche Macht einen anderen Weg. Er wurde vor den Reichstag in Worms geladen. Hier wurde er am 17. April 1521 verhört und zum Widerruf aufgefordert. Diesen lehnte er nach einem Tag Bedenkzeit ab. Der Reichstag bezeichnete ihn in seinem Edikt als offenbaren Ketzer und als ein von der Kirche Gottes abgetrenntes Glied. In dem Edikt wurde über Luther und seine Anhänger die Acht ausgesprochen.

Karl V. war nach dem Reichstag in Worms nach Spanien abgereist, er konnte so der Ausführung des Edikts keinen Nachdruck verleihen. Und Luther selbst wurde unter dem Deckmantel Junker Jörg mit Hilfe seines sächsischen Landesherren auf die Wartburg gebracht. Hier erarbeitete er eine neue Übersetzung des Neuen Testaments. Es war die 19. Bibelübersetzung. Anders als bei den bereits vorliegenden Übersetzungen arbeitete Luther seine theologische Interpretation ein. Wegen der Abwesenheit des Kaisers aus dem Reich und der lutherfreundlichen Haltung der deutschen Stände war an eine Umsetzung der Reichsacht nicht zu denken. So kam auf das Papsttum die Aufgabe zu, alles zu versuchen, um die Einheit der Kirche noch zu retten. Papst Leo X. war verstorben, und am 9. Januar 1522 wählte das Kardinalskollegium den Niederländer Hadrian von Utrecht zum Papst. Er hatte sich als Professor an der Universität Löwen einen Namen gemacht und war 1516 Bischof und 1517 Kardinal geworden. Von seiner Wahl erfuhr er in Spanien. Ihm ging es nach seinem Eintreffen in Rom sofort um zwei wichtige Punkte, die Türkengefahr und die Umsetzung des Wormser Edikts. So ließ er die deutschen Stände auf den Reichtstag zu Nürnberg durch seinen Legaten Chieregati bitten, ihm und der Kirche zu helfen. In dem Breve, das der Papst für den Reichstag verfaßt hatte, bedauerte Hadrian auf der einen Seite das rasche Ausbreiten der lutherischen Irrlehre, auf der anderen Seite beklagte er die Spaltung der Kirche und bekannte zugleich die Mitschuld der römischen Kurie an dieser Entwicklung.

Doch die Worte des Papstes zeigten nicht die Wirkung, die man sich erhofft hatte. Die deutschen Stände befürchteten, daß Maßnahmen gegen Luther schwerste Unruhen auslösen würden. Sie forderten eine Reform der Kirche und die Beseitigung der Ursachen der Beschwerden der deutschen Nation und die Einberufung eines freien christlichen Konzils in einer deutschen Stadt. Der Kurfürst von Sachsen wollte dafür Sorge tragen, daß Luther und seine Anhänger keine neuen Schriften verbreiteten. Ferner verbürgte man sich, daß keine aufrührerischen Predigten mehr gehalten und das Evangelium nach der alten Auslegung der Kirche und der Kirchenväter verkündet werde.

Ruhe kehrte allerdings nicht ein. Der frühe Tod Papst Hadrians VI. (14. September 1523) verhinderte die Durchführung seines Reformprogramms. Nachfolger Hadrians wurde Clemens VII.. Vor dem Konsistorium nannte er als wichtigste zu lösende Aufgabe an erster Stelle die Luthersache. So schickte er zum Reichstag nach Nürnberg 1524 Lorenzo Campeggio als Legaten. Die Stimmung gegen Rom hatte sich inzwischen verstärkt. Als er nun die Bitte nach der Durchführung des Wormser Edikts vortrug, antworteten die Stände mit der Forderung nach einem allgemeinen oder einem Nationalkonzil.