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Der deutsche Katholizismus nach dem Kulturkampf

Mit der Beendigung des Kulturkampfes wurden sicherlich nicht alle katholischen Wünsche und Optionen erfüllt. Doch wichtig war, daß dieser Kampf beendet war. Für die Katholiken bedeutete der Kulturkampf, eingeschlossen in einen Turm gewesen zu sein. So warnte denn auch Julius Bachem 1906 in einem Zeitungsartikel: „Wir müssen aus dem Turm heraus.“ Er rief auf, den Kulturkampfkatholizismus zu verlassen und den Konfessionalismus im öffentlichen Leben aufzugeben. Hinter dieser Forderung sahen die Gegner einen Indifferentismus. Sie hätten am liebsten das gesamte Leben, öffentlich, kirchlich wie wirtschaftlich, der direkten Leitung der kirchlichen Organe unterstellt.

Die stärkste politische Herausforderung stellte die soziale Frage dar. Auf sie hatte angesichts der immer weiter um sich greifenden Industrialisierung bereits 1848 in seinen Predigten der Mainzer Bischof Ketteler aufmerksam gemacht. Nun galt es, diese Fragen konkret anzugehen. Hier erwarben sich die Zentrumspartei und der Münsteraner Priester Franz Hitze besondere Verdienste. Um zu einer wirklichen Lösung zu kommen, war es wichtig, daß sich die Arbeiter zusammenschlossen. Auf katholischer Ebene gab es bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Arbeitervereine. Hitze setzte sich dafür ein, daß religiös-sittliche und wirtschaftlich-soziale Probleme der katholischen Arbeiter nicht zusammen, sondern von getrennten Organisationen gelöst werden sollten. Doch über das Wie gab es heftige Auseinandersetzungen. Es entstanden zwei Richtungen: die Berlin-Trierer-Richtung wünschte, daß alle Probleme der unter kirchlicher Führung stehenden Arbeitervereine übertragen werden sollten. Die Köln-Mönchengladbacher-Richtung fand diese konfessionelle Grundlage als zu eng, um die Arbeiterinteressen wirksam zu vertreten. Sie empfahl interkonfessionelle Gewerkschaften. All den hieraus entstehenden Streitigkeiten setzte der Erste Weltkrieg ein Ende.

Innerkirchliche Richtungskämpfe gab es auch auf theologischer Ebene. Die Verurteilung des Modernismus 1910 durch Papst Pius X. gab diesen Bestrebungen einen weiteren Auftrieb. Durch die Diskussionen kam Deutschland sogar in den Ruf, obwohl es hier keine Modernisten auf den Lehrstühlen gab, modernistisch zu sein, und der Papst, so wurde gemunkelt, sehe in Deutschland den Hauptherd des Modernismus. Von 1910 an wurde von allen Geistlichen im Lehramt und in der Seelsorge verlangt, einen Antimodernisteneid abzulegen. Von ihm wurden die Professoren an den staatlichen Fakultäten entbunden. Die Modernismusdebatte ging sogar so weit, daß Männer, die sachliche Kritik an kirchlichen Einrichtungen und Zuständen übten oder neue Wege einzuschlagen versuchten, vorschnell als Modernisten gebrandmarkt wurden.

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