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Katholische Erneuerung und das „Kölner Ereignis“

Die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts waren auch durch die Bildung neuer religiöser Kreise geprägt. Sie versuchten, die durch die Säkularisation verflachte Religiösität zu überwinden. An herausragenden Persönlichkeiten müssen Johann Michael Sailer, der spätere Bischof von Regensburg, und in Mainz Bischof Ludwig Colmar sowie Regens Franz Liebermann, Andreas Räß und Nikolaus Weis genannt werden. Die Mainzer wollten vor allem in die Breite wirken und die öffentliche Meinung der Katholiken beeinflussen. Ihr Publikationsorgan war „Der Katholik“. Durch ihn versuchten sie, kirchliche Gesinnung und Papsttreue zu erreichen. Ähnliche Kreise gab es in Aachen und Münster. Ganz besonders aber ragte der sich um Joseph Görres, dem späteren Begründer des „Rheinischer Merkur“, gebildete Münchener Kreis hervor.

Auch an den Universitäten zeigte sich neues religiöses Leben. Die Mainzer Theologen knüpften an die voraufklärerische Scholastik an, in Tübingen gab es eine stete Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Geistesströmungen. In München tat sich besonders der Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger hervor. Die neue Universität in Bonn setzte die stark rationale Theologie der Aufklärung fort. Ihr bedeutendster Lehrer war Georg Hermes. Er geriet später in Gegensatz zur kirchlichen Lehre. Hermes, oder der Hermesianismus, wie seine Lehre auch genannt wurde, waren neben der Frage der bekenntnisverschiedenen Ehe die späteren Auslöser des Kölner Ereignisses.

Auf dem erzbischöflichen Stuhl in Köln folgte auf Erzbischof Spiegel Clemens August Freiherr Droste zu Vischering. Er hatte vor allem zwei Aufgaben zu lösen: Einmal mußte er den Hermesianismus beseitigen und dann die dem päpstlichen Breve widersprechende Mischehenregelung lösen. Der preußischen Regierung hatte er vor seiner Berufung nach Köln auf die Frage, ob er bereit sei, die geheime Mischehenkonvention einzuhalten, eine zweideutige Antwort gegeben. Die Regierung verstand sie in ihrem Sinne. Zunächst ging der Erzbischof gegen die Hermesianer vor, dann wies er die Pfarrer an, sich in den Ehefragen genau an das päpstliche Breve von 1830 zu halten.

Preußen wollte vermitteln, jedoch alle Vermittlungsversuche scheiterten. So erhielt nun der Erzbischof die Weisung aus Berlin, sein Amt niederzulegen, da er sein Versprechen gebrochen habe. Dieses Ansinnen wies er von sich, und so erfolgte am 20. November 1837 seine Verhaftung. Der Erzbischof wurde auf der Festung Minden festgesetzt. Diese Verhaftung führte in Rom zu heftigsten Protesten. Papst Gregor XVI. protestierte in einer öffentlichen Allokution (eine feierliche Ansprache an die Kardinäle und Bischöfe) gegen den Kölner Gewaltakt und die ungeheuerliche Politik Preußens. So wurde der Fall auf die internationale Ebene gehoben. Schließlich erschien im Januar 1838 die Schrift „Athanasius“ von Joseph Görres, in der die Machenschaften Preußens angeklagt wurden. Diese Publikation fand in der Bevölkerung ein unerwartet positives Echo. Erzbischof Droste-Vischering wurde zu einer Symbolfigur. Vom „Kölner Ereignis“ schließlich nahm eine Bewegung ihren Ausgang, durch die die bis dahin nicht erkannten katholischen Kraftreserven geweckt wurden. Sie führten sowohl im kirchlichen als auch im politischen Raum zu neuen Aktivitäten.

Der Kölner Kirchenstreit fand mit dem Wechsel auf dem preußischen Königsthron sein Ende. Der Fall Erzbischof Droste-Vischering konnte gelöst und berechtigte Forderungen der katholischen Kirche durchgesetzt werden. Die Regierung versprach, einen freien Verkehr zwischen dem Heiligen Stuhl und den Bischöfen zu garantieren und die vereinbarten Bischofswahlverfahren einzuhalten. Die Versöhnung zwischen Staat und Kirche fand mit dem Kölner Dombaufest statt. Die Kathedrale sollte nach dem Wunsch König Friedrich Wilhelms IV. in ihrer Vollendung ein Zeichen neuer nationaler Einheit sein.

1848/49 fand in Frankfurt in der Paulskirche die Deutsche Nationalversammlung statt. Von ihr erhofften sich die Katholiken, daß in der neuen Staatsverfassung auch die Freiheit und Unabhängigkeit der Kirche garantiert werde. Bischöfe und katholische Laien hatten sich mit den katholischen Abgeordneten über die im Parlament vorzugehende Marschroute geeinigt. Dies geschah von der Seite der Laien auf dem ersten Deutschen Katholikentag in Mainz (Oktober 1848) und von seiten der Bischöfe bei der ersten Deutschen Bischofskonferenz in Würzburg. Wesentliche Punkte der Übereinkunft waren: freier Verkehr mit Rom, Freiheit in der Einrichtung und Besetzung kirchlicher Ämter, die Niederlassung religiöser Orden und Genossenschaften, die Priesterausbildung, die Freiheit in Unterricht und Erziehung, die Ausübung der kirchlichen Gerichtsbarkeit und die Verwaltung des Kirchenvermögens. Als besonders wichtig wurde die Schulfrage angesehen.

Als Ergebnis der Beratungen wurde, der Staat wurde auf religionspolitische Neutralität festgelegt. Die freie Entfaltung der Kirche wurde garantiert mit dem Satz: „Jede Religionsgemeinschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig.“ Die ersehnte Verfassung aber gab es nicht. Die Nationalversammlung war gescheitert. Was allerdings in Frankfurt debattiert worden war, konnte in der Folgezeit nicht unbeachtet bleiben. Preußen übernahm der Sache nach die geforderten Grundrechte für die Kirche, und so konnte der Kölner Erzbischof Johannes von Geissel sagen: „Mit dieser neuen Konstitution tritt unsere Kirche in eine unvergleichlich freiere Stellung, als sie solche bisher gehabt hat. Mehrere Artikel räumen ihr eine Freiheit ein, so wie man sie nur wünschen kann.“

Die übrigen deutschen Länder gingen in ihrer Kirchenpolitik einen von Land zu Land verschiedenen Weg. Zu einem ernsten Zwischenfall kam es in Baden. Erzbischof Hermann von Vicari, Freiburg, wollte sich mit Teilen von Zugeständnissen gegenüber den kirchlichen Forderungen nicht zufrieden geben. Als er einfach die geforderten Freiheitsrechte praktizierte und die Spannungen nicht beigelegt werden konnten, wurde er in Untersuchungshaft genommen und ein Gerichtsverfahren gegen ihn eingeleitet. Die öffentlichen Proteste waren es, die die Regierung schließlich zwangen, die strittigen Fragen mit Rom zu verhandeln. Das Ergebnis war das badische Konkordat von 1859.

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