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Von 1803 bis zum Beginn des Nationalsozialismus

Die jüngste Epoche der deutschen Kirchengeschichte wird durch zwei Ereignisse eingeleitet: Die französische Revolution und die Säkularisation. Die Reichkirche, von Otto dem Großen geschaffen, und die „geistlichen“ Staaten gehörten von nun an der Vergangenheit an. Die Bischöfe verloren ihre Staatsmacht und waren nur noch im geistlichen Dienst. Dies galt auch für die Äbte als Landesherren. Durch die Säkularisation ging das kirchliche Landeigentum und mit ihm alle Rechte der aufgehobenen Institutionen in den Besitz des Staates über. Der ehemalige zur kirchlichen Herrschaft gehörende Immobilienbesitz durfte noch zum Gottesdienst, Unterricht und für soziale Zwecke genutzt werden. Die konkreten Auflagen, die durch den Reichsdeputationshauptausschluß 1803 den Nutznießern der Säkularisation, also den weltlichen Staaten, gemacht wurden, waren - außer den Pensionen der Stifts- und Klosterinsassen - die Ausstattung der bestehenden Bistümer.

Für die Kirche bedeutete dies einen Neuanfang. Dieser wurde noch dadurch gefördert, daß in wenigen Jahren nach der Säkularisierung die Generation der Fürstbischöfe verstarb. Eine Neubesetzung dieser Stühle wurde nicht zugelassen, da die Staatsregierungen es als ihr Recht ansahen, diese Besetzungen vorzunehmen. Die Zahl der Seelsorger war zwar durch die säkularisierten Ordensgeistlichen gestiegen, aber es fehlte an gebildetem und geschultem Nachwuchs. Die meisten Universitäten mit ihren theologischen Fakultäten waren von den neuen Herren aufgehoben worden. Die verbleibenden Priesterseminare waren für die nun auf sie zukommenden Aufgaben nicht gerüstet. Angesagt waren überall nur Provisorien.

Erst nach dem Wiener Kongreß von 1815 konnte die katholische Kirche wieder darangehen, langsam mit einem Neuaufbau zu beginnen. Allerdings hatte dieser Kongreß, der die Staatenkarte Deutschlands für lange Zeit festschrieb, kirchlicherseits nicht die Hoffnungen erfüllt, die in ihn gesetzt worden waren. So kam eine gesamtdeutsche Kirchenordnung nicht zustande, und der Deutsche Bund trat nicht die Nachfolge des untergegangenen Reiches an. So mußte an die Stelle der reichsrechtlichen eine landesrechtliche Regelung treten. Diese wiederum entsprach voll und ganz dem Selbstbewußtsein der einzelnen Länder. Da aber die Bischöfe nicht ohne das geistliche Haupt der Kirche, den, Papst bestellt werden konnten, waren die einzelnen Regierungen gezwungen, mit Rom in Verhandlungen einzutreten, um zu vertraglichen Abmachungen mit der römischen Kurie zu kommen.

In den Jahren von 1817-27 kam es zu den verschiedensten Konkordaten, die sich alle an die französische Konvention von 1801 anlehnten. Hier war den staatlichen Ansprüchen weitestgehend Rechnung getragen worden. So wie Napoleon wünschten auch die deutschen Landesherren, der katholischen Kirche eine landesherrliche Organisation zu geben. So hofften sie, eine weitestgehende Aufsicht über Kirche und das Kirchenvermögen zu erhalten. Ferner war ihnen so der staatliche Einfluß auf die Bestellung von Bischöfen, Dom- und Pfarrherren sicher. Die kirchlichen Erwartungen standen diesem Denken diametral entgegen. Die Kirche verlangte Freiheit für ihr Wirken in allen Bereichen. Hierzu gehörten auch die zugesagten Dotationen für Bischof, Domkapitel, Bistumsverwaltung und Priesterseminar. Diese Dotation sollte eine Entschädigung für die eingezogenen Kirchengüter sein.

Je nachdem, wie die mit der Kirche zu behandelnden Fragen angesehen wurden, entschied sich, ob die Vereinbarungen in der Form eines Konkordates festgeschrieben wurden oder ob es dem Papst überlassen blieb, die Ergebnisse in einem Breve festzuhalten, das der Staat amtlich anerkannte und Gesetzeskraft verlieh. Bayern entschloß sich zu einem Konkordat. Es war bereits 1817 verhandelt, aber erst 1821 ausgeführt worden. Die anderen Länder wählten den Weg des Breve. Preußen, das durch seine „Kirchenpolitik“ noch eine besondere Rolle spielte und das spätere „Kölner Ereignis“ auslöste, hatte bereits 1815 einen Gesandten nach Rom geschickt. Erst 1820 trat die Regierung in Verhandlungen mit dem Vatikan ein. Die Länder Baden, Württemberg, Hessen-Darmstadt, Kurhessen und Nassau verhandelten gemeinsam. Sie wollten eine eigene Kirchenprovinz erhalten. In diesen Ländern war das Staatskirchentum besonders stark ausgeprägt. Ferner zeichneten sie sich durch einen antirömischen Affekt aus. Sie hatten sich einen eigenen Modus in Form einer Deklaration ausgedacht, die sie dem Papst im Frühjahr 1819 vorlegten. Rom aber ließ sich darauf nicht ein. Um einen Abbruch der Verhandlungen zu vermeiden, einigte man sich vorerst auf die Errichtung von neuen Bistümern. Ferner wurde die Finanzierung dieser Bistümer festgelegt. Erst 1829 kam es zu einer befriedigenden Lösung durch die Bulle „Ad Dominici gregis custodiam“.

Es war das Bestreben der Landesherren, vor allem bei der Bestellung der kirchlichen Amtsträger einen entscheidenden Einfluß zu haben. Hier war der bayerische König als Mitglied der katholischen Kirche im Vorteil. Ihm wurde das Privileg zuteil, die Bischöfe des Landes, die Domdechanten und an den ungeraden Monaten die Domherren zu nominieren. Ferner durfte er die Pfarrer für all die Pfarreien vorschlagen, die schon seine Vorgänger vorgeschlagen hatten. Ein solches Recht konnte und wurde den nicht-katholischen Landesherren nicht gewährt. Preußen und Hannover mußten sich daher den gewünschten Einfluß auf die Bischöfe über die Bischofswahlen sichern. Die Domkapitel erhielten das Recht, die Bischöfe zu wählen. Die Modalitäten für die Wahl eines Bischofs oder die Bestellung der Domherren waren weder in Preußen noch in Hannover oder in den oberrheinischen Staaten einheitlich. Letztere hatten für die Wahl eines Bischofs ein aus kirchlicher Wahl und landesherrlicher Ernennung zusammengesetztes Verfahren erreichen können.

Eines umgingen alle Vereinbarungen: Die Priesterausbildung. Lediglich wurde zugestanden, nach französischem Vorbild in jeder Diözese ein Priesterseminar zu unterhalten. Eine Ausnahme bildete auch hier Bayern. Den Bischöfen wurde hier das Recht zuerkannt, die Seminarleitung, die Lehrer und die Kandidaten alleine benennen zu können. Durch all diese Verhandlungen war bis 1830 die katholische Kirche in Deutschland notdürftig reorganisiert worden. Ferner hatte sie eine minimale Existenzgrundlage erhalten.

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