08.08.2002/Regensburg

Schwerwiegender Vertrauensbruch

Regensburg (pdr). Im Folgenden dokumentieren wir das Interview des Regensburger Bistumsblattes mit dem Ständigen Vertreter des Diözesanadministrators Dr. Wilhelm Gegenfurtner zur Problematik des sexuellen Missbrauchs.

Herr Domkapitular, auf dem Weltjugendtreffen in Toronto hat Papst Johannes Paul II. erneut seine Betroffenheit und tiefe Scham über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche geäußert. Was sagen Sie angesichts der jüngsten Ereignisse auch in unserem Bistum?

Mit dem Papst bedauern wir die Verfehlungen in den eigenen Reihen. Die bekannt gewordenen Fälle von Pädophilie und sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Priester beschämen uns. Auch unsere Diözese war betroffen und derzeit wird in einem Fall ermittelt. Die Opfer bitten wir um Vergebung und bieten die uns möglichen Hilfen zur Begleitung und Bewältigung an.


In den letzten Wochen wurden in der Öffentlichkeit immer wieder Vorwürfe gegen die Kirche gerichtet, dass sie nicht energisch genug gehandelt habe. Was antworten Sie diesen Kritikern?

Seit der US-Skandal publik wurde, melden sich auch hier zu Lande immer mehr Opfer zu Wort. Straftaten, die zum Teil Jahre zurückliegen, werden nun bekannt. Rückhaltlose Aufklärung und entschiedenes Einschreiten gegen Missstände sind erforderlich. Aus heutiger Sicht hat es in der Vergangenheit Versäumnisse gegeben. Das darf und soll es in Zukunft nicht mehr geben, deshalb brauchen wir angesichts der bundesweiten Vorkommnisse ein klares Regelwerk der Deutschen Bischofskonferenz, das kirchlichen Amtsträgern verbindlich vorschreibt, was sie in solchen Fällen zu tun haben. Dazu gehören Transparenz, Koordination und Leitlinien für ein einheitliches Vorgehen, Maßnahmen der Prävention zum Schutz von Kindern und Jugendlichen und Therapieangebote für Opfer und Täter. Die Bischöfe werden das auf der Herbstkonferenz beraten.


Wie wird die Diözese bis dahin handeln?

Wir werden im Einklang mit den entsprechenden Forderungen des Papstes reagieren. Zukünftig werden wir auch vagen Verdachtsmomenten energisch nachgehen. Bei begründetem Verdacht erfolgt Meldung an die Staatsanwaltschaft und die unverzügliche Entpflichtung des Betroffenen von seinen seelsorglichen Aufgaben bis zur Klärung der Vorwürfe.


Gab es Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester im Bistum Regensburg in der Vergangenheit? Wie wurde in diesen Fällen von Seiten der Bistumsleitung reagiert?

In den vergangenen zehn Jahren wurde im Verantwortungsbereich der Diözese Regensburg in einem Fall ein Verfahren wegen sexuellen Miss-brauchs Minderjähriger gegen einen Priester der Diözese strafrechtlich abgeschlossen. Damals hat die Bistumsleitung, nachdem das Ordinariat direkt von den Eltern über den Verdacht informiert wurde, sofort die Ermittlungen in die Wege geleitet und den Priester von der Seelsorge entpflichtet. In einem weiteren Fall innerhalb eines Klosters ist es ebenfalls zu einem strafrechtlichen Abschluss gekommen.


Was kann die Diözese für die Opfer
sexuellen Missbrauchs durch Priester oder andere kirchliche Mitarbeiter tun? Welche Hilfen gibt es?


Die Diözese Regensburg bietet allen Betroffenen Hilfe und Unterstützung an. Eine Vielzahl von Beratungsangeboten der Caritas unterstützen diese Hilfe. So können sich Betroffene an die Ehe- und Familienberatungsstellen, den Krisendienst „Horizont“ und auch an die Telefonseelsorge wenden. Diese Dienste helfen auch weiter, um direkt mit der Bistumsleitung in Kontakt zu treten, wenn es sich um Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester oder andere kirchliche Mitarbeiter/-innen handelt und um Hilfe zur Bewältigung.


Welche Rolle spielt der Zölibat im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Kindern?

Einen direkten Zusammenhang von Zölibat und pädophilen Handlungen gibt es nicht. Auch ist der Anteil pädophiler Priester oder pastoraler Mitarbeiter/-innen in der Kirche nicht höher als in anderen Berufsgruppen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Das bestätigen uns Psychologen und Therapeuten. Aber da, wo es um Vertrauen geht, wo die Seelsorge am Menschen im Vordergrund steht, wiegt der Vertauensbruch - und ein solcher ist der sexuelle Missbrauch Minderjähriger - umso stärker.


Wie sehen Präventionsmaßnahmen aus im Rahmen der Aus- und Fortbildung pastoraler Mitarbeiter/innen und kirchlicher Angestellter in der Diözese Regensburg?

Es besteht Handlungsbedarf. Das ist allen Beteiligten in den vergangenen Wochen deutlich geworden. Kurzgegriffener Aktionismus ist aber auch gerade wegen der Wichtigkeit des Themas ? fehl am Platze. Die Dekanekonferenz und andere Gremien im Bistum Regensburg werden sich mit diesem Thema befassen. Darüber hinaus gehende Maßnahmen werden beraten und im Rahmen längerfristiger Lösungen umgesetzt. Noch stärker als bisher wird diese Problematik in der Ausbildung der Priester und pastoralen Mitarbeiter/-innen Berücksichtigung finden.


Was empfehlen Sie Eltern und denjenigen, die einen Verdacht haben, dass ihr/ein Kind von einem Priester oder einem anderen kirchlichen Angestellten sexuell belästigt oder missbraucht wurde?

Die Bistumsleitung kann nur dann handeln, wenn sie über Vorwürfe und Anschuldigungen informiert wird. Ganz wesentlich dabei ist, dass wir heraus kommen aus der Anonymität und der Verbreitung von bloßen Gerüchten. Vorwürfe und Beschuldigte müssen beim Namen genannt werden. Nur dann kann die Bistumsleitung Maßnahmen ergreifen. Eltern,
Erzieherinnen und Lehrer tragen hier ebenso Verantwortung wie Seelsorger und pastorale Mitarbeiter/-innen. Die Beratungsstellen der Diözese und die Bistumsleitung selber sind Anlaufstellen für solche Vorwürfe.



Kirchliche Beratungsstellen
an die sich Opfer, Angehörige, Betroffene und auch Täter in Fragen des sexuellen Missbrauchs telefonisch oder schriftlich wenden können:

Katholische Beratungsstelle für Ehe-, Familie- und Lebensfragen
Landshuter Straße 16, 93047 Regensburg,
Telefon: 09 41 /5 16 70; (Zentrale Vermittlungsstelle zu den Außenstellen);

Erziehungsberatungsstelle der Kath. Jugendfürsorge
Weißenburgstraße 17, 93055 Regensburg,
Telefon: 09 41 / 79 98 20;

Telefonseelsorge
Telefon: 0 800 / 111 0 111 oder 0 800 / 111 0 222;

Krisendienst „Horizont“
Hemauer Straße 8, 93047 Regensburg,
Telefon: 09 41 / 58 18 1;

Caritasverband für die Diözese Regensburg e.V.
Von-der-Tann-Straße 7-9, 93047 Regensburg,
Telefon: 09 41 / 5 02 10 (Zentrale Vermittlungsstelle zu den Außenstellen);

Kontakt zur Bistumsleitung
Bischöfliches Ordinariat, Niedermünstergasse 1,
93047 Regensburg,
Telefon: 09 41 / 5 97-10 01.

Hagen Horoba presse@bistum-regensburg.de

   

Zurück