Kirchenkompass


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Wunderheilungen

 

Wie war das mit den Wunderheilungen Jesu? Eine Frage, über die Gelehrte seit der Aufklärung leidenschaftlich streiten. Die Evangelien überliefern eine Vielzahl von Berichten, in denen Jesus Kranke heilt oder Tote wieder zum Leben erweckt.

"Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, daß er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? ... Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Bahre und geh!
Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Bahre und ging." (Joh 5,6-9)

Das passt vielen nicht ins naturwissenschaftliche Weltbild und auch Mediziner standen diesen Berichten lange skeptisch gegenüber. Erst in jüngerer Zeit glaubt man, dass Jesus durchaus die Fähigkeit besessen haben könnte, psychosomatische Krankheiten zu heilen oder gar Techniken zur Wiederbelebung beherrscht haben könnte.

Doch ob es das ist, was die Erzählungen von den Wunderheilungen ausdrücken wollen?

Der Wunderbegriff wurde oft sehr schillernd gebraucht, er rückte damit in die Nähe von Magie, von Zauberei. Das Wesentliche eines Wunders ist jedoch der Verweis darauf, dass wir uns nicht anmaßen dürfen, mit unserem beschränkten Verstand sämtliche Phänomene in der Welt verstehen und erklären zu können. Wenn man grundsätzlich akzeptiert, dass es Wunder gibt, dass die Wirklichkeit nicht von Menschen gemacht ist, wird man sensibel für die kleinen Wunder des Lebens.

Im Mittelalter war der Glaube an Wunder viel handgreiflicher als heute. Kranke kamen in die Kirchen oder wurden dorthin gebracht, um dort gesund zu werden. In der Kathedrale von Chartres zum Beispiel verbrachten Kranke die Nacht in einem unterirdischen Gang, der um die Krypta führte, weil sie sich davon Heilung versprachen. Kirchen erhielten die Patronate von Heiligen, aus deren Leben von besonderen Heilungen berichtet wurde. Die Zuordnung der Heiligen zu bestimmten Krankheiten war dabei, aus heutiger Sicht, in höchstem Sinne "unwissenschaftlich".

Ein Beispiel ist der Heilige Valentin. Die Krankheit Epilepsie nannte man im Mittelalter noch "Fallsucht". Welcher Heilige sollte sich der Menschen annehmen, die an dieser Krankheit litten? Von entsprechenden Heilungswunder wußte man nicht, deshalb hielt man sich an den Namen: "Fall ni(ch)t hin" - das klang doch fast so wie Valentin!

Wie wichtig den Menschen die Heiligen als Bezugspersonen waren, zeigen die Wallfahrten. Das Kloster Eberbach im Rheingau besaß lange ein Kopfreliquiar des heiligen Valentin. Doch die Pilgerströme nahmen überhand, und so entschloß sich im 14. Jahrthundert der Abt, das Reliquiar zu übertragen. So gelangte es ins nahe Kiedrich, wo die Valetinuswallfahrt zu neuer Blüte fand: Es wurde ein eigenes Pilgerhospital errichtet, bald gab es auch eine eigene Bruderschaft. Schließlich schenkte der Bischof von Breslau der Kiedricher Kirche eine weitere Valentinusreliquie, die für einen derartigen Pilgeransturm sorgte, daß im 15. Jahrhundert ein Neubau der Kirche nötig wurde.