Kirchenkompass


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Aufgenommen in den Himmel
- Mariä Himmelfahrt

 

Auf beeindruckende Weise findet sich die Aufnahme Mariens in der Benediktinerabtei Rohr in Niederbayern dargestellt. Egid Qurin Asam hat die barocke Fülle und Gestaltungskraft genutzt, dieses Heilige Schauspiel in Szene zu setzen. Vollplastische, lebensgroße Figuren geben die Legende wieder, nach welcher die Apostel das Grab Mariens geöffnet haben, um Thomas die Verstorbene noch einmal sehen zu lassen, da er bei ihrem Tod nicht anwesend war. Zu ihrer Überraschung finden sie das Grab leer vor. Allein Tücher und duftende Rosen erwarten sie. Diesen Augenblick hat der Künstler festgehalten. Die Männer um den Sarkophag zeigen die ganze Breite menschlicher Empfindungen und Reaktionen - vom ungläubigen, fassungslosen Schauen des Thomas, der die Tücher aus dem Grab zieht, über Erstaunen und Erschrecken bis hin zu ekstatischer Freude und gläubigem Verstehen, welches in der Erkenntnis niedersinken läßt, daß Gott der Handelnde ist.Maria steigt nicht aus eigener Kraft zum Himmel auf sondern wird von Engeln emporgetragen. Sie hat den Bereich irdischer Erregtheit bereits verlassen, ist voller Leben und strahlt zugleich innere Ruhe aus. Die Heiligste Dreifaltigkeit nimmt Maria in Empfang und begrüßt sie in Anlehnung an das Hohelied mit den Worten:
"Komm, Du einzige Taube, empfange die dreifachen Zeichen (Krone; Zepter und Ring), weil des Dreieinen Du Tochter, Mutter und Braut."

Die Aufnahme Mariens ereignet sich auf einer Bühne, diese ist von zwei Balkonen flankiert, indirekte Beleuchtung und auch ein Vorhang unterstützen die Schauspielatmosphäre. Bezeichnend aber ist, daß das hufeisenförmige Chorgestühl nicht die Stellung einer Zuschauertribüne einnimmt. Es ist nicht gegen die Bühne, sondern gegen das Kirchenschiff ausgerichtet und macht die damaligen Augustiner-Chorherren somit zu Teilnehmern am heiligen Theater, nicht zu Zuschauern.

Hinter dieser Darstellungsweise verbirgt sich folgende theologische Interpretation: Das Fest "Mariä Himmelfahrt" wird im Osten seit dem 5. Jahrhundert, im Westen seit dem 6. Jahrhundert gefeiert. Man verbindet damit die Vorstellung, daß Maria mit ihrem Leib bereits zu Gott heimgegangen und somit am Ziel ihres Weges angekommen ist. Die Aufnahme des Leibes läßt sich verstehen als ein Aufgehobensein des Menschen bei Gott mit allem, was ihn ausmacht, mit allen Beziehungen, die ihn in seinem Leben geprägt haben. Dies betrifft nicht nur seine Seele.

Die Himmelfahrt Mariens ist ein künstlerisch sehr häufig aufgegriffenes Thema. Theologisch gesehen ist sie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Gegenstand zahlreicher Predigten. Maria wird in besonderer Weise immer wieder als Vorbild herausgehoben. An ihrer Auferstehung haben alle Menschen bereits insofern Anteil, als sie aufgrund ihrer Erhöhung auf die eigene Vollendung hoffen dürfen. Wer Gottes Wort in Offenheit begegnet, darf darauf vertrauen, das Leben zu erlangen, zu dem alle berufen sind.