Kirchenkompass


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Die himmlische Stadt

 

Wenn wir eine Kirche betreten, spüren wir etwas Besonderes. Wie ist es den Baumeistern gelungen, Menschen auch heute noch in einen anderen Zustand zu versetzen, wenn sie den gebauten Raum auf sich wirken lassen? Baumeister und Theologen haben in den Texten der Bibel nachgeschlagen, wer ein Haus Gottes bauen wollte, mußte davon ausgehen, daß im Buch der Offenbarungen Hinweise zu finden sind. Das Alte Testament enthält mehrere Texte, die davon berichten, wie der Tempel gebaut und der von den Babyloniern zerstörte Tempel wieder aufgebaut wurde. So zum Beispiel im 2. Buch der Könige und bei dem Propheten Ezechiel. Im Buch Esra erfährt man vom Bau des zweiten Tempels.

Inspirierend für die mittelalterlichen Baumeister war eine Vision, niedergeschrieben in der Offenbarung des Johannes. Im 21. Kapitel wird das neue Jerusalem beschrieben. Nach den endzeitlichen Kämpfen und der Niederringung des Drachen, des Bösen, ertönt ein neuer Gesang, das Halleluja. Der Seher schaut

"den neuen Himmel und die neue Erde...und ich sah die heilige Stadt als neues Jerusalem, aus dem Himmel niederschweben". (Offb 21,1f)

Dann wird diese neue Stadt beschrieben. Ein Engel nimmt ihn mit auf einen Berg, er sieht, wie die heilige Stadt vom Himmel niederschwebt. Sie hat zwölf Tore, auf die die Namen der zwölf Stämme Israels geschrieben sind. Die Zahl Zwölf erscheint ein weiteres Mal, denn die Mauern haben zwölf Grundsteine, auf denen wieder die Namen der zwölf Stämme geschrieben stehen. Das Gefüge der Mauern ist Jaspisstein, die Stadt selbst ist aus Gold, ihre Grundsteine sind aus Edelstein: Jaspis, Saphir, Chalzedon, Smaragd, Sardonyx, Karneol, Chrysolith, Beryll, Topas, Chrysopras, Hyazinth, Amethyst – die Farben der Edelsteine entdecken wir in den mittelalterlichen Glasfenstern wieder.

Dann heißt es in Vers 22 weiter:
"Einen Tempel sah ich nicht in ihr: Gott, der Herr, der Allherrscher und das Lamm ist ihr Tempel. Die Stadt bedarf nicht der Sonne, noch des Mondes, daß sie ihr leuchten; denn die Herrlichkeit Gottes leuchtet ihr, das Lamm ist ihr Licht".(Offb 21,22f)

Da man bis ins 20. Jahrhundert die physikalische Natur des Lichtes nicht genau kannte, ging man davon aus, es sei materielos und komme direkt aus dem Himmel. So leuchtet der Himmel in der Kirche, die Farben der Glasfenster lassen das himmlische Licht hindurch, das Auge sieht die gleichen Farben, die es im Himmel sehen wird. Diese theologsiche Vorstellung ist wohl der Grund, warum man in der Gotik die Mauern herausgenommen und mit Glasfenstern ausgefüllt hat. Der Himmel sollte in der Kirche leuchten.